2008 Herbst

Humanitärer Einsatz in der Ukraine vom 13. – 19.10.2008

Von dem strahlenden Herbstwetter draußen bekamen wir Helfer in der großen Halle der Spedition Stöger nichts mit, als wir am 10. und 11. Oktober die einlaufenden Spenden sortierten und ver-packten. Der Freitag hatte viel Arbeit für uns bereit. Kurt Steinbeiß, Karin Schien und ich hatten alle Hände voll zu tun. Dafür kam am Samstag mit dem Rammelsberger Clan Leben in die Bude. Groß und Klein rückten an, es herrschte erhebliches Gedrängel, ich bekam fast Platzangst. Aber es gibt ja noch Leute die die Übersicht nicht verlieren und mit Eröffnung einer neuen Packecke waren diese Schwierigkeiten behoben. Von dieser Seite ein herzliches Vergelts Gott für die ganz jungen im Ram-melsberger Clan. Ihr Eifer mitzuhelfen hat mir persönlich viel Freude gemacht, denn es ist wichtig Kinder auf die Armut anderer aufmerksam zu machen und tätige Hilfe zu leisten. Dies ist heute nicht mehr selbstverständlich. Danke auch allen anderen die fleißig dabei waren. Samstagnachmittag war der 21 t LKW voll gepackt, die Halle leer – alle Spenden konnten diesmal mitgenommen werden. Für Maria Salak und Peter Malter begann die eigentliche Hauptarbeit: Listen schreiben, in Polnisch und Ukrainisch übersetzen, Gewicht berechnen etc. Der LKW wurde im Zollhof in Garching Montagvor-mittag abgefertigt und fuhr Richtung Polen. Da uns Maria Salak diesmal nicht begleiten konnte, uns aber eine gute Stellvertreterin mit auf den Weg gab, bestand unsere Crew für diese Fahrt aus: Pe-ter Malter, Sepp Rammelsberger, Natalia Traurig und mir. Treffpunkt war
Montag, 13.10.2008 um 14.00 Uhr bei Peter Malter. Um 14.20 Uhr setzte sich der Bus mit S.Rammelsberger am Steuer in Bewegung. Unglaublich schön die Farbenpracht links und rechts der Autobahn, ein Labsal für Auge und Seele.
S.Rammelsberger fuhr bis Oberfranken, ich durfte bis kurz vor die polnische Grenze ans Steuer. P.Malter kutschierte uns sicher bis kurz vor Krakau und nach einer längeren Pause übernahm  S.Rammelsberger wieder das Steuer. Baustellen im Bereich von Krakau und auch an anderen Stellen, ließen uns nur langsam vorwärts kommen. Das Fahren war nicht einfach, denn die Dunkelheit und die Müdigkeit machten uns, trotz der Pausen und des Ausruhens auf der Rückbank zu schaffen. So war ich mehr als froh, als es draußen lichter wurde, das Leben erwachte und das Morgenrot den neuen Tag ankündigte.
Dienstag, 14.10.2008  Dass wir uns der polnischen Grenzen näherten bewies die lange Schlange der LKWs, ich zählte allein 145 LKW. Gegen 8.30 Uhr wurden wir, nach einer kurzen Wartepause von den Polen kontrolliert und anstandslos durchgewunken. An der ukrainischen Grenze war Wachablösung, wir standen eine Zeit. Unser Bus durfte nicht auf dem Streifen des „grünen Korridors“ stehen, wir mussten uns bei den Busfahrern einreihen. Protest war nutzlos. Pass- und Gesichtskontrolle verlief ohne Aufregung, auch der Zoll war nicht sonderlich interessiert und nachdem wir die Uhr 1 Stunde vorgestellt hatten, fuhren wir gegen 10.00 Uhr Richtung Lviv.
In Lviv unglaublicher Verkehr! Hier kümmert sich kaum jemand um Ampeln, es wird geschoben, ge-drängelt, die Fußgänger springen wie die Hasen. Nirgends Polizei zu sehen die diesem Treiben Einhalt gebietet. Ich kann mir vorstellen, dass vielleicht in einem Jahr hier der Verkehr völlig zusammen bricht. Die Häuser waren beflaggt, es wurde ein kirchlicher Feiertag begangen!
N.Traurig telefonierte mit Frau Halla wegen der Wohnungsschlüssel. Hier erfuhren wir, dass sie im Krankenhaus liegt, aber ihre Tochter würde uns die Schlüssel vorbeibringen. Die Tochter kam gleich-zeitig mit uns. Dass wir nicht erwartet wurden merkten wir an den unaufgeräumten Zimmern.  Aber in Anbetracht dessen, dass Frau Halla schwer krank in der Klinik liegt, haben wir uns jede Bemerkung verkniffen und auch die Unhöflichkeit der Tochter hingenommen.
Unsere ersten Termine waren für 14 Uhr ausgemacht, so hatten wir genügend Zeit uns nach der lan-gen Fahrt frisch zu  machen. Ein gutes Frühstück weckte alle Lebensgeister und es blieb uns auch noch Zeit Geld zu wechseln.
Erster Besuch war bei Dr. Losynskyj. Er kam direkt aus dem OP zu uns. Er war über die Information, dass sich im Transport 84 Pakete der ILCO befinden sehr erfreut. P.Malter verschwieg nicht, dass er und S.Rammelsberger deswegen 16 Stunden unterwegs waren, um diese aus Bonn abzuholen.
Dr. Losynskyj konnte ebenfalls mit einer guten Meldung aufwarten. Eine amerikanische und eine ka-nadische Gruppe wollen Stomahilfsmittel in die Ukraine liefern. Die deutsche ILCO will erreichen, dass die gesamten Hilfslieferungen nach Lviv geschickt werden, weil hier gewährleistet ist, dass die Hilfsmittel zu den betroffenen Menschen kommen. Die Menschen sind hier in der Westukraine im Verein zusammengeschlossen und müssen abzeichnen was sie erhalten. So ist eine Kontrolle möglich und sicher gestellt, dass nichts in undurchsichtige Kanäle fließt. Wir sind auf die weitere Entwicklung gespannt!
Dr. Ivasjuk meldete Schwierigkeiten mit dem Kopierer. Da ihre Station im Nebengebäude unterge-bracht ist, konnten wir den Bus auf dem Gelände stehen lassen. Sehr erfreut berichtete sie, dass tags zuvor, Stühle, Matratzen und medizinischer Bedarf aus dem letzten Transport bei ihr angekom-men waren. Sie bedankte sich überschwänglich. Die Geschichte mit dem Kopierer zeigte uns wieder einmal, wie schwierig es in der Ukraine ist Eigeninitiative zu entwickeln. Der Kopierer war völlig ein-gebaut und zugestellt in einer Ecke des Studentenlehrzimmers. Es dauerte eine Weile bis alles davon entfernt worden war. P.Malter zog ihn einige cm aus der Ecke, damit das Gerät „Luft“ bekam. Schal-tete es an und siehe da, es arbeitete, zeigte aber das Zeichen, dass Toner nachgefüllt werden muss. Anstatt zu versuchen Toner zu besorgen wird angerufen, das Gerät funktioniert nicht mehr, es wird in die Ecke gestellt, zugebaut und gewartet bis Hilfe aus Deutschland kommt. Ähnlich, aber in einer etwas anderen Version erleben wir das Büro von Frau Dr. Ivasjuk. Seit Jahren haust sie und ihre Assistenzärzte in einem richtiggehenden Verhau! Obwohl wir Büromöbel gebracht haben und obwohl es sicherlich einen Raum auf der Station gibt, der sich in ein übersichtliches Büro verwandeln ließe, wird nichts unternommen. Leider ist dies kein Einzelfall und wir sehen wie langwierig es ist, dass Menschen Eigeninitiative ergreifen, voraus denken und handeln.
P.Malter notierte, nicht ohne vorher den Tipp zu geben, dass es in Lviv sicherlich auch Toner zu kau-fen gibt, das Fabrikat und die Gerätenummer und wird Ersatz besorgen.
Im Moment gibt es viele Straßenbaustellen in der Stadt und der Weg zum Straßenkinderheim der Caritas entwickelte sich zum reinsten Hindernislauf. Wir brauchten viel Geduld in diesem undiszipli-nierten Straßenverkehr.
Im Gespräch mit Frau Bilous ging es – wie auch bei den letzten Besuchen – um die Paketverteilung in Lviv, die sie übernommen hatte. Nach der letzten Überprüfung unsererseits, mussten wir leider fest-stellen, dass bei den meisten Paketen, wo die Empfänger angeblich nicht zu erreichen waren dies so nicht stimmte. Namen, Adresse und Telefonnummern waren korrekt.
So wurden unsere stillen Befürchtungen, dass Frau Bilous diese Aufgabe nur ungern übernommen und recht lasch ausgeführt hat Wahrheit. M.Salak hat von München aus ihr Bedauern und ihren Ärger darüber in einem sehr offenen Gespräch mit ihr ausgedrückt. Die Paketverteilung wird in Zukunft von Chodoriv aus übernommen. Die schon länger liegenden Pakete werden der Caritas ausgehändigt, die Pakete vom Frühjahr werden nach Chodoriv gebracht und von dort ausgeteilt. Frau Bilous erhielt für die laufende Arbeit im Kinderheim eine Geldspende und für die Kinder eine große Tüte mit Schokola-de und diversen Süßigkeiten.
Auf dem Rückweg machten wir einen kurzen Besuch beim Geschäftsführer der „Welt des Kin-des“ Herrn Wsewolod. Er berichtete uns von 30 überglücklichen Kindern denen die drei Wochen in den Karpaten sehr gut getan haben. Dr. Wosnyzja begrüßte uns auch sehr herzlich. Er zeigte uns die inzwischen ganz fertig gestellten Behandlungszimmer. Die nötigen Mittel dafür hatte er von einer anderen Organisation zur Verfügung gestellt bekommen. Im Gespräch mit ihm wird uns klar, dass wir mit unserer Spendentätigkeit umdenken müssen. Es hat sich in den letzten beiden Jahren, zumindest für die Stadt Lviv ein Trend entwickelt, der, wenn er richtig angewandt wird auch für die heimische Industrie nützlich ist. Er zeigte uns schöne neue, zweckmäßig gestaltete Stühle, die er für umge-rechnet 15 Euro im Land gekauft hat. Er sagte uns, dass es für ihn und die Klinik besser wäre, Bar-geld für Anschaffungen zur Verfügung zu stellen, da er dann gezielt das kaufen kann was er wirklich braucht. Über dieses Argument werden wir in der nächsten Vorstandssitzung nachdenken müssen. Bei der Verabschiedung wurden wir von Dr. Wosnyzja für Freitagabend zum Abendessen eingeladen.
Nach diesem Besuch war unser Programm für diesen Tag beendet. Wir hatten keine Lust mehr zum Essen auszugehen. Warenyky, Tomaten und ein kühles Bier mundeten uns ausgezeichnet. N.Traurig erledigte noch einige Telefonate die für die kommenden Tage wichtig waren. Für Mittwoch hatten wir uns bei M.Kalynytsch in Turka angemeldet. Sie erreichte Frau Kalynytsch im Zug von Kiew nach Lviv. Sie befand sich mit einer Pilgergruppe auf dem Heimweg. Ihr Zug sollte am Mittwoch um 7.00 Uhr in Lviv eintreffen. N.Traurig machte ihr den Vorschlag mit uns im Bus nach Turka zu fahren. Wir wür-den sie in der Kopernikastraße gegen 8.00 Uhr erwarten, sie solle uns vorher noch anrufen.
Der Tag wurde nicht mehr alt, ich schaltete mein Licht um 20.30 Uhr aus!

Mittwoch, 15.10.2008 6.00 Uhr aufstehen, Frühstück.
Ab 8.00 Uhr warteten wir auf Frau Kalynytsch. Unruhig wurden wir, als es auf 9.00 Uhr ging und sie sich noch nicht gemeldet hatte geschweige denn bei uns angekommen war. Der Versuch von N.Traurig sie über das Mobiltelefon zu erreichen schlug fehl. Wir bekamen keine Verbindung. Sie versuchte es in Turka. Die Tochter meinte, dass die Eltern schon auf dem Weg nach Turka seien und gab uns die Mobilnummer des Vaters, der auch mit auf der Wallfahrt war. Der Mann informierte uns kurz, dass das Telefon seiner Frau keine Ladung mehr habe und sie gleich mit dem Anschlusszug nach Turka weitergefahren wären. Da musste mit den Absprachen etwas durcheinander gekommen sein. Wir
machten uns schnellstens auf den Weg. Leider war das schöne Herbstwetter vom Nebel verdrängt worden und so sahen wir nicht allzu viel von der schönen Landschaft. Die meisten Äcker waren schon abgeerntet, viele Bauern noch mit Pferd und Pflug unterwegs. Die Storchennester alle unbewohnt! Die Straßen in den kleinen Städten waren fast alle in gutem Zustand, d.h. die vielen Schlaglöcher waren seit dem Frühjahr „verputzt“ worden. In der Gegend von Sambir und auch Turka sahen wir die Hinterlassenschaft der großen Sommerüberschwemmung des Flusses Dnjister. Gegen 11.30 Uhr wa-ren wir dann in Turka und wurden von Frau Kalynytsch am Waisenhaus erwartet. Sie entschuldigte sich vielmals, dass ihr Telefon nicht mehr funktionierte und meinte, dass es wohl zu einem Missver-ständnis zwischen uns gekommen sei.
Frau Direktor war auf einer Tagung, die Konrektorin begrüßte uns. Sie zeigte uns die neu eingerich-tete Waschküche im 1. Stock. Hier waren zwei alte Waschräume total renoviert und bis unter die Decke blau gefliest. In einem Raum zwei Waschmaschinen, im anderen Raum ein Trockner. So waren wir richtig froh, dass diese Arbeitsplatzsituation endlich verbessert wurde.
Im Flügel unter dem noch zu renovierenden Turnsaal war eine Etage vom Rotari-Club total renoviert worden, hier werden in Zukunft Kinder wohnen und betreut, die überhaupt keine Angehörigen mehr haben. Der große E-Herd in der Küche war noch nicht angeschlossen. Die Konrektorin entschuldigte sich dafür, aber es wurde jetzt erst das Waschküchenprojekt erledigt und sobald wieder Geld vor-handen soll  der Ofen installiert werden.
Bei der Verabschiedung überreichten wir der Konrektorin eine große Plastiktüte mit Schokolade und anderen Süßigkeiten für die Kinder des Internats.
Frau Kalynytsch hatte in einer Gaststätte ein Essen für uns bestellt. In Turka werden im Moment neue Leitungen und Rohre verlegt und als wir in der Gaststätte ankamen war der Strom gesperrt. So saßen wir bei Kerzenlicht in einer „Dunkelkammer“. Das Essen aber mundete trotzdem. Bei Kerzen-licht wurden auch die üblichen Formalitäten mit Frau Kalynytsch abgewickelt. Dem Verein lagen drei Anträge zur Bezuschussung von Hörgeräten für Kinder vor. Frau Kalynytsch legte P.Malter die Kos-tenvoranschläge zur Einsicht vor. (Pro Hörgerät ca. 3.800,– Euro) Gleichzeitig berichtet sie, dass die vollen Kosten für ein Hörgerät von einem Abgeordneten übernommen worden waren und so verteilte P.Malter die vorgesehene Summe auf die beiden verbleibenden Anträge.
Über die bei unserer Sammelaktion abgegebenen alten Hörgeräte ist Frau Kalynytsch sehr erfreut, sie sollen im Ort von einem Akustiker überprüft werden.
Bevor wir die Rückreise antraten, besuchten wir noch den Chirurgen der die kunstvollen Perlostereier herstellt, um meine und die von Arnold Nowak im Mai bestellten Eier abzuholen. Inzwischen hatte sich der Nebel verzogen und wir freuten uns an dem schönen, milden Herbsttag. Die Rückreise ver-lief ohne Komplikationen und je näher wir Lviv kamen, desto dunkler wurde es wieder! Bei einer Brot-zeit und einem kühlen Bier trafen wir Absprachen für den kommenden Tag und waren gegen 22 Uhr im Bett. Letzter Anruf bei Maria Kalynec. Sie hatte Verbindung mit dem LKW-Fahrer der polnischen Firma und hofft, dass er pünktlich nach Chodoriv kommt.

Donnerstag 16.10.2008
Mit S.Rammelsberger war ausgemacht, dass wir uns in der Sacharowstraße 7.30 Uhr treffen. Mit kleiner Verspätung konnten wir dann Richtung Chodoriv abfahren. Verkehr dicht – so mancher Easyri-der war unterwegs, wir können oft nur den Kopf schütteln über die waghalsigen Überholmanöver. Das Autobahnteilstück, das wir im Mai noch umfahren mussten war fertig und S.Rammelsberger kam gut voran. 9.10 Uhr erreichen wir Chodoriv. Wir wurden von Maria Kalynec und einer ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen mit der Nachricht, dass der LKW-Fahrer sich noch bei Lemberg befindet begrüßt. Seine Ausrede: er musste sich in die LKW-Schlange einreihen und sei deshalb nicht weitergekommen konnten wir so nicht akzeptieren, denn er sagte bei dem Telefongespräch tags zuvor mit M.Kalynec, dass er in der Nähe der Grenze wohne und bei seiner Frau übernachtet würde.
Wir nutzten die Wartezeit zu dem üblichen Prozedere, Prüfung des Kassenbuches und aller anderer  Buchungen. Dies war wie immer mit großer Sorgfalt geführt und über jeden Beleg gab M.Kalynec Aus-kunft. P.Malter erledigte die finanzielle Seite und übergab dann die Paketlisten der neuen Hilfsliefe-rung. Auch sie bekam eine große Tüte mit Schokolade und Süßigkeiten für die Kinder im Kindergarten.
Wir fragen nach was aus der alten Frau mit dem grauen Star geworden ist, ob die Operation gelungen und ob die Ärzte bei dieser hohen Forderung geblieben sind. M.Kalynec berichtete uns, dass die Frau eine andere Klinik ausgesucht hat. Sie wurde noch nicht operiert, da sie mit der behinderten 18-jäh-rigen Enkelin Schwierigkeiten bekommen hatte. Diese war in eine Heilanstalt eingewiesen worden, wo sie während der Abwesenheit der Großmutter versorgt werden sollte. Die Ärzte haben sie falsch medikamentiert und sie erlitt dadurch einen Schlaganfall. Sie ist im Krankenhaus. Ich habe in einem meiner früheren Berichte geschrieben, dass es in der Ukraine keine Krankenversicherung gibt und wenn ein Familienmitglied ins Krankenhaus muss, wird dieses von der Familie begleitet und versorgt. Da es keine anderen Familienangehörige gibt, muss diese alte Frau das Enkelkind versorgen und es ist nicht abzusehen wie lange das dauern wird.
Gegen 12.00 Uhr kam der Anruf des LKW-Fahrers, dass er am Ausladeort angekommen ist. Wir fuh-ren zur Lagerhalle, packten vorher aber noch 4 große Kartons mit Weihnachtskugeln, die im Büro bei M.Kalynec deponiert waren, in den Bus.
Es dauerte eine Zeit bis der große LKW, der nur von hinten zu entladen ist, sich an die Laderampe manövriert hatte. Leider musste bis zum Halleneingang eine Distanz von ca. 30 m überwunden werden.
Zum Entladen und befördern der Pakete hatten wir einen kleinen Gabelstapler und diverse Kranken-hausbetten. M.Kalynec zeigte den Männern, die beim Entladen halfen die Plätze, wo für jeden Emp-fänger die diversen Pakete gelagert werden sollen und kontrollierte dies. Ihre ehrenamtlichen Mitar-beiterinnen sortierten schon am LKW die Pakete für Familien aus. Das Abladen ging zügig voran. Un-ser ukrainischer Zöllner traf etwas später ein und hatte bis zum Ende ein wachsames Auge auf alles was entladen wurde. Um 3 Uhr stand der LKW-Fahrer auf der Matte. Er müsste jetzt aus dem Ge-lände fahren, um die Ruhezeiten einzuhalten. Bewegt er in der Ruhezeit den LKW, bringt ihm das, bei der Kontrolle des Fahrtenschreibers eine Strafe ein. Wir ließen ihm ausrichten, dass dies sein Prob-lem sei, denn mit ihm war anderes ausgemacht. Der LKW wurde weiter in aller Ruhe entladen und gegen 15.30 Uhr waren wir fertig. Die Männer die beim Abladen geholfen haben bekamen für ihre Arbeit jeder 20 Hrivny und eine Tüte mit 1 Flasche Öl, Zigaretten und Schokolade, die M.Salak schon in München hergerichtet hatte.
Anschließend waren wir, zusammen mit den Helferinnen, zuhause bei M.Kalynec eingeladen. Hier er-wartete uns ein liebevoll gedeckter Tisch und wir konnten uns nach der Plackerei des Entladens so richtig entspannen. P.Malter bedankte sich bei den Damen für die selbstlose Hilfe, ohne die unsere Zusammenarbeit gar nicht funktionieren könnte.
Die Heimfahrt war etwas mühsam. Zum einen sind die Dörfer ohne Beleuchtung, zum anderen war am Bus eine Birne kaputt und so durch die Dunkelheit zu fahren war für S.Rammelsberger nicht ganz einfach. Ebenfalls schwierig zu behandeln die Kamikazefahrer, die Fahrt beanspruchte volle Auf-merksamkeit. Gegen 19 Uhr waren wir wieder in Lviv und bei einem Glas kühlen Biers ließen wir diesen Tag Revue passieren. Wir stellten fest, dass der Wohlstand sichtbar zunimmt, dass aber auch – be-sonders auf dem Land – die Armut kein Ende nimmt. Es fehlt bei vielen Menschen eine gewisse Eigen-ständigkeit und ist diese vorhanden, dann nur im Blick auf sich!

Freitag, 17.10.2008
Ausschlafen war angesagt und trotzdem saßen wir um 9.00 Uhr schon ganz gemütlich beim Frühstück. Ein freier Tag mit einigen privaten Besorgungen. N.Traurig und ich holten die bestellten Bücher für M.Salak in der Buchhandlung, P.Malter war bei Herrn Lemyk und bezahlte unsere Unterkunft und überreichte ihm gleichzeitig eine kleine Mängelliste der Wohnung in die Hand. Anschließend fuhr er mit S.Rammelsberger in einen Großhandel um Sekt für den Weihnachtsbazar einzukaufen. Gegen 12 Uhr trafen wir uns in unserem Stammcafe. Wegen Umbau, bzw. Erweiterung des Cafes war der Platz beschränkt, aber wir fanden einen Tisch für uns und genossen die schöne Umgebung, den vorzügli-chen Kuchen, der übrigens nicht per Stück abgerechnet wird, sondern nach Gewicht. Ein Gang über den Künstlermarkt durfte nicht fehlen. Bei dem kühl, regnerischen Wetter fehlte diesem Markt der eigentliche Flair, deshalb hielten wir uns nicht lange auf.
Die Einladung zum Abendessen von Dr. Wosnyzja war ein kleiner Höhepunkt dieses Tages. In ent-spannter freundschaftlicher Atmosphäre saßen wir im „Stammlokal“, unweit unserer Wohnung zu-sammen und sprachen über die Arbeit, über Stimmung und Entwicklung im Land. Da Dr. Wosnyzja und seine Frau einen sehr anstrengenden Tag hinter sich hatten, verabschiedeten wir uns nicht ganz so spät.

Samstag, 18.10.2008
Mit S.Rammelsberger hatten wir für 14.00 Uhr zur Abfahrt in die Kopernikastraße bestellt.
Wir waren relativ zeitig auf und beschlossen beim Frühstück mit der Tram auf den großen Bazar zu fahren, um über den bunten Markt zu bummeln und einige Kleinigkeiten einzukaufen. Jeder von uns hatte sein Fahrgeld in der Hand. Wir warteten auf die Kassiererin – sie kam nicht. Hin und wieder sah ich jemanden der seinen Fahrschein in den, zwischen den Fenstern befestigte Entwerter steckte. Von dieser Neuerung hatte ich im Maibericht erzählt, da wurde noch kassiert. Kurz vor der Halte-stelle wo wir aussteigen wollten kam eine Kontrolle mit Ausweis. Wir machten unsere Hand auf, in der das Fahrgeld bereit lag. Die Dame schüttelte den Kopf und machte uns klar, dass wir aussteigen müs-sen. In ihrer Begleitung ein Mann der ununterbrochen auf die Frau einredete, mir kam er vor wie ein kläffender, bissiger Hund. N.Traurig fragte warum wir aussteigen müssen. Antwort, „Sie fahren ohne Fahrschein!“ N.Traurig informiert die Kontrolleurin, dass wir nur 4 Tage in humanitärem Auftrag in Lviv seien und im Mai wäre noch in der Tram kassiert worden. Wir könnten nicht wissen, dass sich hier etwas geändert hat, zumal sie ja sehe, dass wir das Fahrgeld in der Hand bereit hielten. Der Begleiter der Frau sagte, dass er in Deutschland im Gefängnis war und deshalb müssten diese Leute jetzt zahlen. Wir fragten wo die Fahrscheine zu kaufen seien. Ja, beim Schaffner und sonst wo. Das sonst wo konnte sie uns nicht genau sagen! Die Diskussion ging hin und her. Die Kontrolleurin hätte uns mit einer Verwarnung laufen lassen, aber ihr Kläffer war scharf und ließ nicht nach. Wenn wir nicht zahlen, müssen wir zur Polizei. Die Menschen um uns, die das Geschehen beobachteten mischten sich in die Diskussion ein und waren der Meinung, dass sie die Touristen laufen lassen sollten, sonst kämen bald keine mehr in die Stadt. Die Kontrolleurin empfahl uns bei der Stadtverwaltung eine Be-schwerde einzulegen. Sie erklärte, dass diese Neuerung eingeführt worden sei, um Personal zu sparen, dafür aber gehen sie jetzt zu zweit auf jeder Linie auf Streife, also statt einer Kassiererin zwei Aufpasser!  Sie persönlich sei über diese Lösung nicht glücklich. Der Kläffer ließ nicht locker. P.Malter zahlte die Strafe von 15 Hrivny (ca. 2 Euro) pro Person, ließ sich aber eine amtliche Quit-tung geben, damit das Geld nicht in den privaten Säckel des Kläffers verschwindet.
Diese Begegnung hatte uns innerlich ziemlich aufgewühlt und auch sauer gemacht und doch auch die Frage aufgeworfen, wie hätten unsere deutschen Kontrolleure daheim gehandelt?! Ebenso die Frage nach der Zivilcourage. Die Kontrolleurin hätte ihren Kläffer in Schranken weisen können, denn der gesunde Menschenverstand sagt, wenn einer in Deutschland ins Gefängnis kommt, dann nicht nur we-gen einer eventuellen Schwarzfahrt! Ich meine, es sitzt den Menschen doch noch die alte Angst aus der kommunistischen Zeit im Nacken.
Trotz allem waren wir wie immer von der Vielfalt des Marktes beeindruckt und so einige Hrivnys wechselten den Besitzer. Wir entdeckten bei diesem Rundgang sogar eine kleine Fischhalle. In einem Becken sah ich zwei Forellen schwimmen, der Rest war, wie draußen auf dem Markt tiefgekühlt und taute so langsam vor sich hin, um am Ende des Marktes wieder eingefroren zu werden! Zu Fuß mach-ten wir uns auf den Heimweg, die Lust zum Tram fahren war uns vergangen.
S.Rammelsberger stand pünktlich vor unserer Türe. P.Malter verstaute unser Gepäck und mit einem „Gott mit uns“ fuhren wir in einen schönen Herbstnachmittag. 15 Uhr steuerte S.Rammelsberger uns in die Warteschlange. Wir durften, trotz unserer Papiere, nicht in den grünen Korridor und mussten uns in der Kleinbusschlange einordnen. Es gab 6 offene Fahrspuren. N.Traurig verhandelte mit ver-schiedenen Beamten. Der Zoll versah unsere Papiere ohne zu kontrollieren mit einem Stempel. Dann standen wir! Die Reihe des grünen Korridors wurde zügig abgefertigt, wir waren ziemlich sauer, dass bei uns nichts vorwärts ging. Aber um ehrlich zu sein, es ging auf den anderen Spuren auch nichts, aber auch gar nichts. Die Polen hatten nur 2 Spuren offen und kontrollierten nach Vorschrift. Endlich konnte N.Traurig durchsetzen, dass wir – wenn die Möglichkeit besteht – auf den grünen Korridor wechseln durften. Aber auch das half uns nur wenig. Beim Grenzwechsel im Mai hatten wir von den Polen, als wir unsere Papiere vorwiesen, die Antwort bekommen, dass unsere humanitäre Mission ja nun zu Ende sei und wir jetzt als normale Bürger ausreisen würden und deshalb wie jeder andere zu warten hätten, zu hören bekommen. Diese Antwort bekam N.Traurig diesmal auch von den ukraini-schen Beamten. Für uns schon frustrierend, denn wir hatten wohl bemerkt wie einige Autos vorgezo-gen worden waren. Fast 4 Stunden Wartezeit bis dann bei uns endlich der polnische Zoll zur Kontrol-le kam. Als erstes mussten wir den Bücherkarton von M.Salak öffnen. Der Zöllner wollte wissen wer diese vielen Kinder-CDs bekommt. N.Traurig erklärte, dass diese für die ukrainische Gemeinde in München bestimmt wären. Bei den Christbaumkugeln verdrehte er die Augen und entfernte sich, um seinen Chef zu holen, denn er wusste nicht, ob diese Artikel die polnische Grenze passieren durften. Nach einiger Zeit kam der Chef und schaute sich unser Auto an. Fragte noch einmal wofür diese CDs bestimmt seien. N.Traurig sagte diesmal, dass sie für eine ukrainische Kirchengemeinde in München bestimmt sind. Sie werden dort verkauft und der Erlös fließt in die humanitäre Arbeit für die Ukrai-ne. Wir konnten, ohne weitere Durchsuchung die Grenze passieren.
Nach einer kurzen PPPause setzte S.Rammelsberger die Fahrt fort. Jeder von uns war innerlich so richtig sauer auf diese für uns so offensichtliche Schikane. Wenn die Polen schon in der EU sind, dann sollten sie die EU-Bürger auch ordentlich abfertigen und nicht stundenlang „vor dem gelobten Land“ stehen lassen. Wie bei der Fahrt in die Ukraine kamen wir auf der Strecke nach Krakau relativ langsam voran und genossen eine längere Pause in einer Autobahnraststätte bei Krakau. Die nächste Etappe übernahm ich. Froh war ich, dass das Wetter so gut war und kein Regen und Nebel die Sicht behinderte. P.Mal-ter löste mich ab. In der Nähe von Dresden wieder eine Pause und Frühstück gab es in der Autobahnraststätte Vogtland. Hier sammelten wir wieder alle Lebensgeister. Das Fahrver-bot für LKW am Sonntag war großes Glück für uns, denn mit Schaudern dachte ich an die letzte Fahrt im Mai an den Montagmorgen, wo sich LKW an LKW reihte und wir höllisch aufpassen mussten. Ab Oberfranken mussten wir uns immer wieder durch große Nebelfelder kämpfen und wunderten uns wie unvorsichtig so mancher PKW durch die fast undurchsichtige Mauer sauste. Wie ein roter Feuer-ball schob sich bei Regensburg die Morgensonne aus dem Horizont, ein schönes Erlebnis. Nach ca. 3.360 gefahrenen Kilometern hielten wir bei Traurigs in Gronsdorf vor dem Haus. Christbaumkugeln und Sekt wurden ausgeladen, nächste Station, gegen 11.30 Uhr Dachauer-Straße. Hier endete für mich diese ereignisreiche Reise. Sepp Rammelsberger und Peter Malter haben uns gut und sicher über die Straßen und so manches Schlagloch gebracht. Auch ihnen sei ein herzliches Vergelts Gott gesagt.

Fazit dieser Reise:

„Nur Eigeninitiative führt zum Erfolg“
Ausspruch einer modernen muslimischen Frau aus einem Dorf im Südural – am A der Welt.

Dieser Ausspruch ist meiner Meinung nach der Schlüssel zu allen Dingen. Seit vielen Jahren fahren wir in die Ukraine und erleben genau das. Dort wo jemand etwas wagt, jemand seine „Träume“ um-setzt, etwas lernt, dort geht es vorwärts.
Es ist müßig die Not zu bejammern. Sicherlich, und das ist nicht abzustreiten sind die Möglichkeiten begrenzt. Die Regierung ist zerstritten, die Angst, dass der große Bruder wieder zugreift ist da. Das seit vielen Generationen lebende Gespenst des Kommunismus hat tiefe Spuren hinterlassen und be-herrscht noch immer das Denken und Verhalten vieler Menschen. So wäre es doch an der Zeit, dass die Streitigkeiten in der Regierung beendet, das Gemeinwohl der Menschen in den Vordergrund ge-rückt würde. Die Menschen, die jahrelang in aller Konsequenz regiert wurden fühlen sich allein gelas-sen und so kann nichts Neues entstehen.
In den Städten, aber auch auf dem Land, sieht man den wachsenden Wohlstand. Dass jeder daran teilhaben möchte ist richtig. Das was jetzt im Land läuft ist ein egoistisches Streben nach Wohl-stand. Der Schwächere wird vergessen. Um diesen Mangel etwas auszugleichen, darin sehen wir den Sinn unserer Arbeit. Wir in unserer Wohlstandsgesellschaft haben auch Armut im eigenen Land, aber hier sind die Ansprüche der Armen anders als in der Ukraine. Hier im Land werden – ich sage es jetzt im eigenen Jargon – pfenniggute Dinge ohne schlechtes Gewissen dem Müll übergeben. Es gibt hier Menschen die die Diskrepanz sehen, deshalb bekommen wir die Angebote aus den Krankenhäusern ausgemusterte, aber noch völlig intakte Betten und Nachttische und drgl. abzuholen bevor sie in die Müllpresse wandern. Auch hier ist mir völlig klar, dass die Institutionen sich die Kosten der Entsor-gung sparen wollen und ihr Gewissen beruhigen, dass diese Dinge wo anders noch gut zu gebrauchen sind. Ja, sie sind in meinen Augen sogar noch Gold wert und ich persönlich empfinde es nicht als Blöd-sinn sie in die Ukraine zu schicken.
Auf dieser Reise haben wir alle einen gewissen Frust gespürt, hervorgerufen durch viele kleine Dinge am Rand. Wir merken mehr und mehr, dass unsere Kapazitäten – durch unser Alter – begrenzt sind und werden in der nächsten Zeit überlegen müssen, wie wir unsere Arbeit weiterführen können und wollen.
Natalia Traurig hat die Feuertaufe als Dolmetscherin sehr gut gemeistert. Ihr an dieser Stelle ein Kompliment. Trotz allem aber haben wir unsere Maria Salak vermisst.
Dass wir gut, bewahrt und ohne Unfall wieder zuhause angekommen sind bin ich mehr als dankbar.

Brigitte Hovland  im Oktober 2008

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