2006 April
UKRAINE
04.04.06. – 11.04.2006
Im Vorfeld unserer Spendenaktionstage Ende März, waren einige Mitglieder des Vereins in Bayreuth, um dort eine große Sonderspende zu kennzeichnen. Es hat sich dann herausgestellt, dass diese Spende einen LKW nicht füllen wird. Nach unserer Paketannahme wurde deshalb am Sonntag, den 2.4. ein LKW mit Betten und Matratzen nach Bayreuth gebracht, damit der Transport nicht halbvoll in die Ukraine fährt.
31. März und 1. April war für die Mitglieder und Freunde unseres Vereins wieder ein Großkampftag. Viele freiwillige Helfer legten Hand an. In guter und fröhlicher Stimmung und bei bestem Wetter absolvierten wir die beiden Tage. Wir hatten den Eindruck, dass nicht so viele Spender den Weg nach Kirchheim zur Firma MDF fanden. R.Haller und H.Krauß die an der Kasse saßen stellten ihrerseits fest, dass viele Spenden abgegeben wurden, aber trotzdem weniger Geld eingegangen war.
Samstagnachmittag war der 20zigtonner voll beladen. Hier möchte ich anmerken, dass der polnische Fahrer unermüdlich beim Laden mithalf, das waren wir bisher nicht gewohnt! Montagvormittag musste die Ladeliste wegen der Nachlieferung umgeschrieben und von Peter Malter nach Bayreuth gebracht werden. Im Klartext: Stress hoch drei!
Ein anderes, relativ kleines Problem stellte sich dem Trupp, der die beiden Lastwagen in der Ukraine empfangen sollte. Das Problem hieß: Hochwasser. In der Tschechischen Republik stand das Wasser auf unserer gewohnten Route meterhoch! So entschlossen wir über Dresden, Görlitz, durch Polen zu fahren. Das in Dresden gemeldete Hochwasser tangierte uns nicht, da die Autobahntrasse über die Elbhöhen fährt.
Was uns die Reise als solches sehr spannend werden ließ, war die gute Nachricht, dass der Bürgermeister von Chodoriv, Oleh Kotzovski abgewählt worden war!
Dienstag, 04.04.2006
Abfahrt war auf 16.00 Uhr festgelegt worden. Sepp Rammelsberger übernahm die erste Strecke. Peter Malter  assistierte, Maria und ich bevölkerten die mittlere Bank und Arnold Nowak nahm die Rückbank ein. Gott sei Dank war wenig Verkehr, so kamen wir zügig voran. Ich freute mich an der vorbeisausenden, immer noch etwas winterlichen Landschaft. Wir besprachen unsere Sorgen bzgl. des Lasters von Bayreuth, bissen ab und zu in unsere belegten Brote und dösten beim Dunkelwerden so leise vor uns hin. Sepp kutschierte, trotz seiner fürchterlichen Erkältung, so sicher wie immer! Auch das dichte Schneetreiben in Oberfranken konnte ihn nicht aus der Ruhe bringen. Es war überhaupt ein kleines Wunder, dass Sepp fahren konnte, denn er lag die Tage vorher mit einer wirklich furchtbaren Erkältung im Bett.
Seit September 2004 war mir die Strecke durch Polen in unangenehmer Erinnerung. Die Polen aber haben die Zeit gut genutzt, die Strecke war repariert, teilweise neu gebaut und wir kamen zügig voran. Bei Krakau eine längere Rast-, Essens- und Erholungspause.
Was mir, bei meinen Wachphasen angenehm auffiel war die gut gekennzeichnete Straße. Mittel- und Seitenstreifen waren neu gemalt und die Katzenaugen am Straßenrand leuchteten.
Mittwoch, 05.04.2006
So gegen 10 Uhr standen wir bei Korczowa vor der polnisch/ukrainischen Grenze. Die Abfertigung auf der polnischen Seite schnell und problemlos. Unseren kleinen weißen Zettel bei der Einfahrt in die Ukraine bekamen wir von einem etwas müden Beamten in die Hand gedrückt. Drei Autos vor uns und schon hieß es: Bitte aus dem Wagen steigen und vor dem Schalter zur Gesichtskontrolle aufstellen. Die Passierscheine für uns hatten wir klugerweise bei der etwas längeren Pause in Polen ausgefüllt. Dieses Prozedere ging schnell vorbei! Dann warten auf den Zoll. Ich flitzte in der Zwischenzeit schnell zur Toilette. Alles blitzsauber, aber kein fließendes Wasser!!!! Zollkontrolle erledigte sich ruckzuck und freundlich hieß es: Ihnen eine gute Fahrt und schönen Aufenthalt, Aufwiedersehen. Wir sortierten unsere Pässe mit dem weißen Passierschein, lieferten den Durchlaufschein ab und suchten uns dann einen Weg durch die sehr eng stehenden Lastwagen. Dann freie Strecke vor uns.
Unsere Hoffnung auf schnelles und problemloses Vorankommen mussten wir schnell begraben. Die vorher schon so ramponierte Straße war durch den strengen Winter noch mehr in Mitleidenschaft gezogen. Wir balancierten von einem Schlagloch zum nächsten und die völlig unnötigen Hemmschwellen in dem nach der Grenze liegenden Dorfes machten das Vorankommen noch schwieriger! Das einzig Schöne war die Sonne!
Gegen 12 Uhr hielt Sepp vor der Caritaswohnung in der Kopernykastraße. Maria, Peter und ich stiegen aus, sammelten unser Gepäck. Sepp fuhr Arnold in die Klinik zu Dr. Wosnyzja, wo er sein Quartier hatte und Sepp selbst fuhr zu seinen Freunden. Frau Halja empfing uns zur Schlüsselübergabe in der Wohnung.
Wir waren müde. Nur nicht hinlegen und dem Drang nach Schlaf nachgeben. Starker Kaffee und eine kleine Brotzeit brachte unsere Lebensgeister wieder etwas auf Vordermann und Maria orderte per Telefon schon die ersten Termine. Anschließend machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Maria hatte eine lange Liste für Besorgungen aller Art mitgebracht. In einer Bank konnten wir sehr günstig Geld tauschen. In der Stadt frühlingshaftes Treiben. überall standen Frauen und boten wunderschöne kleine Schneeglöckchen- oder Märzenbechersträuße an. Auf dem Künstlermarkt saßen die Frauen noch dick vermummt an ihren kleinen Ständen. Der Rathausplatz glich einem großen Sandkasten, hier wird renoviert! Wir fühlten uns sofort wie zuhause. Bei einem späteren Gang durch die Stadt stellten wir fest, dass bei den Sanierungsarbeiten auf dem Rathausplatz archäologische Funde gemacht worden waren, die vor dem Weiterbau noch untersucht werden mussten. Sehr interessant!
Abendessen nahmen wir in einem kleinen Lokal, gleich in der Nähe der Wohnung ein. Später saßen wir in unserer Küche, um Absprachen für den kommenden Tag zu treffen, und bei Kerzenschein und einem Glas Bier ließen wir den Tag gemütlich ausklingen. Geschlafen habe ich wie ein Stein und als der Wecker um kurz vor 6 Uhr klingelte, hatte ich etwas Schwierigkeiten mich so richtig zu orientieren.
Donnerstag, 06.04.2006
Maria die Morgenlerche war schon wach und bevölkerte als erste das Bad. Ich richtete in der Zwischenzeit unser Frühstück und bald saßen wir gemeinsam um den Tisch. Das schöne Wetter vom Vortag war leisem Nieselregen gewichen. Fast pünktlich wie die Sonnenuhr kamen wir am vereinbarten Treffpunkt an. P.Malter lotste S.Rammelsberger gekonnt zur richtigen Ausfahrt: M06 Richtung Stryi. Für diese 80 km brauchten wir gute 1 Stunden. Diese Straße war besser als die Straße zur Grenze, aber im Großen und Ganzen gesehen, bräuchte die ganze Ukraine neue Straßen. Bei Nikolajev war der Dnjestr weit über seine Ufer getreten. Große Flächen waren überschwemmt. Der kalte Wind fegte über die Oberfläche und wir bekamen fast den Eindruck, als befände sich hier ein großer natürlicher See. Störche waren auch schon angekommen, ich konnte sie bei der Futtersuche auf den Feldern beobachten.
Stryj ist eine kleine sehr lebendige, alte Provinzstadt mit ca. 67.000 Einwohnern. Stryj wurde 1385 urkundlich zum ersten Mal erwähnt und erwarb 1460 die Stadtrechte. Dank der Lage ist hier ein großer Verkehrs- und Eisenbahnknotenpunkt entstanden. Die bäuerliche Umgebung von Stryj förderte die Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte. Große Erdöl- und Erdgasvorkommen erlaubten den Abbau und in deren Zusammenhang wurden eine Erdölraffinerie und eine Eisengießerei errichtet. In Verbindung mit dem Erdöl blühte auch die Paraffinindustrie. Nach dem 2. Weltkrieg leiteten die Sowjets Öl und Gas in eigenen Leitungen nach Moskau, bis die Vorkommen versiegten. Heute ist von all dem fast nichts mehr zu sehen. Stryj liegt am gleichnamigen Fluss. Früher siedelten in der Gegend viele Deutsche und Juden. Dies war ein kleiner Ausflug in die Geschichte.
Aber nun wieder zur neueren Geschichte. Nach dem Streit mit Bürgermeister Oleh Kotsovskij lieferten wir keine Hilfsgüter mehr nach Chodoriv. Der Herbsttransport nach Stryj war gut verlaufen, aber die von Caritasdirektor Bojko angebotene Raumkapazität war einfach zu klein. So wurde M.Salak von Mariana Malyj, die bei der Caritas arbeitet informiert, dass der Pfarrer einer katholischen Kirche uns ausreichend Räumlichkeiten in seiner noch nicht fertig gestellten Kirche anbieten könnte.
So waren wir sehr gespannt auf diese Lokalität! Per Mobiltelefon erfuhren wir, dass der polnische Fahrer des Münchner Lkws schon beim Zoll sei, vom anderen LKW fehlte noch jede Spur. M.Salak nahm Verbindung mit der Nürnberger Spedition auf und wurde hier dahingehend informiert, dass der am Montag angeblich noch nicht geladene LKW erst sehr spät abgefahren sei. Das entsprach so aber nicht der Wahrheit. Nach einem Anruf beim Fahrer erfuhren wir, dass er in der Nähe von Krakau seine Pflichtpause von 9 Stunden absolvierte und keinesfalls vor Freitagmorgen in Stryj eintreffen könnte. Das bedeutete für uns, dass wir die Fahrt nach Turka streichen und einige schon ausgemachte Termine umlegen mussten.
Das Wetter blieb leider weiter sehr unfreundlich. Meine stillen Gebete zum Himmel, für eine Regenpause, bis der LKW abgeladen ist, wurden zu 90% erhört. Mariana brachte uns zum Zielort. Was wir hier vorfanden machte uns zuerst etwas mutlos. Die Kirche steht inmitten eines großen Baugeländes. Abgezäunt daneben ein Gemeindehaus mit einem großen Saal einem Nebenraum, einer kleinen Bibliothek und einer Armenküche. Im renovierten Teil eine kleine Zahnarztpraxis. Vor dem Gemeindehaus ein hübsch angelegter Garten. Die zu erwartende Blütenpracht sah man nur durch kleine grüne Spitzen die sich aus dem Erdreich wagten. Auf dem Baugrundstück war eine undefinierbare Werkstatt untergebracht. Hier arbeiteten einige Männer. Mariana zeigte uns den Keller der Kirche in den die Hilfsgüter gestapelt werden sollten. Zwei wirklich große Räume mit Fenster und trocken, die aber für 2 LKWs viel zu klein waren. Die steile Treppe hinunter machte uns etwas Sorge, ebenso das Gelände. Ob hier der LKW einfahren kann? Wir entdeckten hinter der Kirche ein Tor, das aber sollte kein Hindernis für einen guten Fahrer sein. Bei dieser Feststellung wurde uns schon etwas leichter ums Herz. Ebenso standen 21 Männer aus Chodoriv und Stryj zum Abladen bereit. Der inzwischen eingetroffene LKW wurde aufs Gelände gelotst, ein Zollbeamter hatte sich eingefunden und die Abladeaktion konnte gestartet werden. Zuerst wollte jeder mit einem Paket die schmale Treppe in den Keller hinab laufen. Aber sehr schnell hatte einer der Männer begriffen, dass das so nicht funktioniert. Er beorderte eine Menschenkette und unter fröhlichem Gelächter ging diese Arbeit sehr gut voran. Ich wollte mithelfen, wurde aber von den Männern daran gehindert. Es hieß: Frau nix arbeiten! was mich aber doch nicht davon abhielt einige Male mit anzupacken. Meine Stoßgebete zum Himmel hatten sich erfüllt, es regnete nicht, es war nur kalt. Ab und zu ging ich in das Gemeindehaus zum Aufwärmen. Hier waren zwei Frauen beschäftigt aus einigen Gemüseresten und Linsen eine Armensuppe zu kochen. Zusätzlich gab es noch Nudeln mit gebräunten Zwiebeln.
Als der LKW nach 3 Stunden beinahe abgeladen war begann es wieder zu regnen. Die Kellerräume waren fast bis zur Eingangstüre voll gestapelt. Wir brauchten noch mehr Raum. Mariana wusste von einer Lagermöglichkeit wozu aber die Genehmigung des Zolls gebraucht wurde. In der nächsten Nachbarschaft gab es ein militärisches Gelände mit großen Hallen und divers angebauten Häusern. Hier konnte uns ein Raum zugewiesen werden.
Müde, ausgekühlt und hungrig machten wir uns nach der Abladeaktion auf den Weg in die Stadt. Mariana hatte in einem Lokal Platz für uns bestellt. Vitalij Rudyj, unser ukrainischer Zöllner, konnte der Einladung zum Essen aus terminlichen Gründen nicht folgen, aber der polnische Fahrer freute sich über die ausgesprochene Einladung. Das Essen und das dazu gereichte Wässerchen weckten alle unsere Lebensgeister.
Auf dem Heimweg nach Lviv machten wir einen Einkehrschwung bei einer Christbaumkugelfabrik. Ein junger Mann, der sich als Direktor outete, zeigte uns eine wirklich umfangreiche Kollektion. M.Salak wird im Sommer Kontakt zu ihm aufnehmen.
Zuhause richteten wir uns eine kleine Brotzeit. Der Abend wurde nicht lang, da wir für den kommenden Tag schon gegen 9.00 Uhr in Stryj sein wollten, um den anderen LKW abzufertigen.
Freitag, 07.04.2006
Kein Regen, aber kalt! Der Wind pfiff uns durch die Jacken. Treffpunkt 7 Uhr Trambahnhaltestelle!!!! Maria und ich wickelten uns in die warmen Wolldecken und versuchten noch ein Auge voll Schlaf zu bekommen. Stryj besitzt ein großes Krankenhaus und eine eigene Isolierstation auf dem Gelände gegenüber dem Krankenhaus. Hier ist auch Marianas Büro. Das steuerten wir als erstes an. Eine kleine Truppe aus Chodoriv stand fröstelnd im Hof. Hier erfuhren wir, dass der LKW noch an der Grenze stand und keinesfalls vor 13.00 Uhr in Stryj ankommen könnte. So lange konnten wir nicht warten, denn Maria hatte Termine mit Frau Dr. Iwasjuk und Dr. Wosnyzja ausgemacht. Nach zwei kurzen Anrufen beschlossen wir wieder zurück nach Lviv zu fahren und die für den Nachmittag ausgemachten und nun vorverlegten Termine wahrzunehmen. Zuvor aber besuchten wir die Isolierstation des Krankenhauses. Wir sprachen mit dem verantwortlichen Arzt. M.Salak und P.Malter informierten sich, was hier gebraucht werden könnte und schlug vor, dass die Ärzte am Nachmittag zur Abladestelle kommen sollten.
Die inzwischen strahlende Sonne am Himmel heiterte auf dem Rückweg nach Lviv unsere Stimmung gewaltig auf. Beide Termine waren von Hektik geprägt, es blieb kaum Zeit für Privates. Frau Dr. Iwasjuk bergaben wir einen Projektor für die Vorlesungen der Studenten und sie versprach uns am Sonntagnachmittag in der Wohnung zu besuchen. Dr. Wosnyzja bekam von uns für die Erholung kranker Kinder in den Karpaten wieder 4.500 Euro. Auch haben wir Geschenke für die Kinder dagelassen: Kulturbeutel, Kugelschreiber, Blöcke, Lineale und Süßigkeiten. Wsewolod Lopuschansky berichtete uns, dass in der Kinderdorfanlage viel renoviert wurde. P.Malter meinte, dass es eigentlich an der Zeit wäre das Dorf wieder zu besuchen um sich vor Ort genau zu informieren und von Dr. Wosnyzja bekamen wir eine Einladung zum Essen für den Abend.
Zurück nach Stryj. Der LKW war inzwischen eingetroffen, mit ihm ein Teil der fleißigen Helfer vom Vortag. Die beiden Ärzte waren auch vor Ort. Auf dem LKW waren ca. 23 Krankenhausbetten und 29 Langzeitpflegebetten gestapelt. Zum Stabilisieren waren Pakete in die Zwischenräume verstaut worden. Drei Paletten mit Wasch- und Putzmitteln und vieles mehr. Die Pakete wurden per Menschenkette durch das Fenster gereicht und im Raum gestapelt. Da die ganze LKW-Ladung in diesem Raum nicht untergebracht werden konnte, wurde ein Teil der Betten mit der Erlaubnis des Zöllners gleich ins Krankenhaus gefahren, und dort eingesperrt. Der anwesende Zöllner riet uns aber, nicht alle Betten ins Krankenhaus zu geben, er schlug vor, einen Teil als Absicherung vor die Fenster zu platzieren, um es evtl. Einbrechern nicht leicht zu machen. Auch dieser Raum war randvoll gefüllt. Die Eingangstüre wurde mit einem großen Vorhängeschloss zur Sicherung versehen. In 2 Stunden hatten die Helfer den LKW abgeladen und zogen, nach Auszahlung des ausgemachten Lohnes fröhlich ab.
Auch wir machten uns auf den Heimweg. Es blieb uns bis zur Einladung von Dr. Wosnyza, Gott sei Dank noch Zeit zur Erholung und zum Frisch machen.
In diese Pause hinein kam Andrij Kotsovskij und eröffnete uns, dass er aufgrund der Lage in Chodoriv nicht mehr für die UA fahren könnte. Er kann das, was sein Vater getan hat auch nicht gut heißen, aber es gibt so etwas ähnliches wie Familienbande und deshalb müsste er jetzt zu seinem Vater stehen. Diese Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, versicherte er uns. Wir fragten, was jetzt mit Stephan Duchniy, seinem Freund und Helfer geschieht. Stephan hat mit ihm zusammen die Fahrten nach München unternommen und dies war der einzige Verdienst der ihm und seinem Sohn ein Auskommen sicherte. Ja, das wüsste er auch nicht! Er war leider nicht mehr umzustimmen. Trotz dieser Hiobsbotschaft war der Abend mit Dr. Wosnyzja in dem uns schon bekannten kleinen Lokal in unserer Nähe sehr harmonisch.
Samstag, 08.04.2006
Die Verspätung des LKWs hatte unsere ganze Terminierung durcheinander gebracht. Wir mussten z.B. den Besuch in Turka ausfallen lassen. Dafür aber kam Myroslava Kalynytsch zu uns in die Kopernyka-Strasse. Sie war morgens um 4 Uhr in Turka gestartet und traf bei uns gegen 9 Uhr ein. Während des Frühstücks wurden Neuigkeiten ausgetauscht. Beste Meldung war, dass Turka nun endlich eine eigene Registriernummer bekommen hat und unsere Spenden in Zukunft dort abgeliefert werden können. Einzige Sorge ist die Unterbringung der Hilfsgüter. Aber hier kann sicherlich eine Lösung gefunden werden. Das Problem der von uns beanstandeten Waschküche im Waisenhaus wurde auf eine sehr eigene Art gelöst. Die Waschmaschine steht nun in einem Raum ohne Wasseranschluss und die Wäsche wird von verschiedensten Menschen mit nach Hause genommen und dort gewaschen.
Frau Kalinic bittet uns um Kleidung für die Kinder im Waisenhaus von 6 – 16 Jahre, ebenso gibt sie uns erneut ihre Bitte vom Herbst, um Ski und die dazugehörige Ausrüstung für die Kinder aus dem Waisenhaus, mit auf den Weg.
Den fortgeschrittenen Vormittag verbrachten wir in der Stadt mit verschiedenen Besorgungen. Am frühen Nachmittag besuchten M.Salak und ich die Mutter von Dr. Wosnyzja.
Für 16 Uhr war der neue Bürgermeister von Chodoriv Herr Horatschek, sein Stellvertreter, der Sekretär und Maria Kalynec bei uns angemeldet. Maria Kalynec brachte eine wunderbare, selbstgebackene Torte mit. Bei Kaffee und Kuchen stellte sich der Bürgermeister kurz vor.
Seine Motivation als Landwirt mit abgeschlossenem Ingenieursstudium, für das Amt des Bürgermeisters zu kandieren entsprang dem Wunsch, etwas in der Stadt zu bewegen. Er will versuchen die alten und verkalkten Strukturen zu ändern. Der alte Bürgermeister war schon zu lange im Amt und deshalb bewegte sich nichts mehr, weder für die Jungen noch für die Alten. Er hat besonders die Alten und Einsamen im Blick, die ohne Gemeinschaft leben müssen. Für sie will er ein Alten- und Pflegeheim aufmachen.
Er würde auch gerne die Wirtschaft in der Stadt etwas ankurbeln. Der andere Aspekt ist, dass er als Landwirt den Bauern mehr Verdienstmöglichkeit schaffen will. Er hat vor den Zuckerrübenanbau, der vor langer Zeit in der Umgebung sehr hoch im Kurs stand, wieder zu intensivieren und die alte Zuckerfabrik in Betrieb zu nehmen. Er schildert ohne große Emotionen die Lage der Stadt und die Schwierigkeiten die ihm in den Weg gelegt werden. Er bekundet großes Interesse die Arbeit der Ukraine Aktivhilfe weiter führen zu wollen.
M.Salak schildert den anwesenden Herren die Struktur unserer Arbeit, wie sie bisher gelaufen ist und P.Malter fragt, ob die Arbeit mit unseren Bedingungen so weiter geführt werden kann.
Die Barmherzigkeit sollte auf alle Fälle unter der Leitung von M.Kalynec weitergeführt werden. Es muss ein guter Lagerplatz zur Verfügung stehen, wenn wir weiter liefern wollen.
Für die monatlich durchzuführenden Fahrten zwischen Chodoriv und München wurde überlegt, ob ein Lieferwagen angeschafft und Stephan Duchniy und ein noch zu findender Partner diese Fahrten weiter durchführen sollten. Es ist uns wichtig, dass Stephan die Möglichkeit zur Finanzierung seines Lebensunterhalts erhalten bleibt.
Vor der Verabschiedung bat Herr Horatschek, ob wir der Stadt nicht eine Rüttelmaschine besorgen könnten. Die Straßen der Stadt sind so marode, dass es überhaupt nichts nützt die Löcher ohne einen Rüttler aufzufüllen. Wir werden unser Bestes versuchen!
Nach der Verabschiedung mussten wir die Eindrücke verarbeiten. Wir konnten uns nach dieser kurzen Begegnung noch keine wirkliche Meinung bilden. Die Herren selbst haben bei mir einen guten Eindruck hinterlassen. Wir können für die künftige Zusammenarbeit nur das Beste erhoffen und ich bin mir sicher, dass viel guter Willen vorhanden ist.
Sonntag, 09.04.2006
Das Ausschlafen hat uns sehr gut getan und die vom Himmel strahlende Sonne weckte richtige Sonntagsgefühle in uns. Wir waren bei unseren Besuch in Stryj von Vitalij eingeladen worden ihn und seine Familie in der Nähe von Chodoriv zu besuchen. Wir waren für 10 Uhr angemeldet. Die Familie Rudyj wohnt kurz vor Chodoriv und wir fuhren wieder auf der M06 Richtung Stryj. Bei Nikolayev verließen wir die M06 und fuhren in östlicher Richtung weiter. Schöne, hügelige Landschaft, Sonntagsfrieden lag über dem Land. Bei Rozdil war der Dnjester auch über die Ufer getreten, aber die Überschwemmung sah bei weitem nicht so schlimm aus wie einige Kilometer nach Nikolajew. Kurz vor dem Ort warteten wir auf Vitalij, denn allein hätten wir nicht zum Haus gefunden. Wir wurden von seiner Frau und den beiden Mädchen freundlich willkommen geheißen. Der kleine Pekinese begrüßte uns sogar im roten Samtkleid mit weißem Spitzenkragen! Etwas später strich uns der rote Familienkater um die Beine und wollte gekrault werden. Zu unserer Gaudi führten uns der Pekinese und der Kater kleine Kunststücke, die ihnen die Mädchen beigebracht hatten, vor. Die Mädchen haben seit noch nicht allzu langer Zeit einen weißen Hasen. Ich bin sicher, dass sie ihm auch noch so einiges beibringen werden! Vitalis Frau arbeitet als Rechtsanwältin bei einem Notar in Chodoriv und hat im Moment aufgrund eines Erlasses der Regierung in Erbsachen sehr viel zu tun. Die Mädchen besuchen die Schule und werden nach der Schule betreut. Ich fragte, was denn die Familie am Sonntag so unternimmt. Die Kinder erzählten, dass sie am Mittag mit den Eltern und Freunden raus in die Natur wollen und etwas später wollten sie grillen. Auch hier wurde das Problem mit Andrij Kotsovskij besprochen. Vitalij, der guten Kontakt zu Andrij hat, versprach uns, mit ihm zu reden und zu versuchen ihn von seiner vorgefassten Meinung abzubringen. Gegen 12 Uhr machten wir uns wieder auf den Rückweg, denn für den Nachmittag hatte sie viel Besuch für das Cafe Salak angemeldet. Es war soviel Kuchen übrig geblieben, dass wir gut eine halbe Kompanie damit durchfüttern konnten.
Als erste Gäste schaute Sepp Rammelsberger, Wsewolod Lopuschansky und Arnold Nowak vorbei. Dann kreuzte Dr. Ivasjuk auf, gefolgt von Marias Verwandtschaft der Familie Mamtschur. Als sich die Männer verabschiedet hatten, schaute Frau Kalynytsch aus Turka mit der Leiterin der Justiz in Turka herein. Sie kamen von einer Parteiveranstaltung. Frau Kalynytsch brachte noch verschiedene Papiere vorbei. Die Stühle wurden nicht kalt, die Damen der Nähschule, Maria und Daria brachten die bestellten Krauthörnchen für das im Juli in Haar stattfindende Straßenfest. Beim nächsten Klingeln standen die alte Frau Wosnyzja und die Künstlerin Roxolana vor der Türe. Sie gruppierten sich auch noch um den Küchentisch. Mit ihnen ergab sich eine sehr interessante Diskussion über die Missionierung der Ukrainer im Osten der Ukraine. Die Anwesenden waren alle einig, dass die ukrainischen Wurzeln im Osten nach den vielen Jahren der russischen Besatzung freigelegt werden mussten. Dies geschieht durch Kurse, Vorträge und Ausstellungen und diese Bemühungen werden gut angenommen.
Der Nachmittag und Abend war interessant, abwechslungsreich und sehr anstrengend. Ich habe M.Salak bewundert die unermüdlich übersetzte und sehr intensiv an allen Gesprächen teilnahm. Es kamen noch mehr Besucher, aber die fanden den Weg in die Küche nicht mehr, denn auch Maria war müde geworden und die Treffen waren nur noch sehr kurz!
Montag, 10.04.2006
Der Termin für unsere Abfahrt war auf 15 Uhr festgesetzt. Der Vormittag verging schnell mit einem Besuch bei Caritasdirektor Herrn Lemyk, um unsere Übernachtungskosten zu zahlen und einem kleinen Abschiedsbummel durch die Altstadt. Dann ging die Packerei los. Da wir nicht mehr Gefahr laufen wollten unsere Fleischprodukte an der Grenze entsorgen zu müssen, wurden sie gut geschätzt in den Koffern und Taschen verstaut. Ebenso verfuhren wir mit den diversen Wässerchenä. Pünktlich stand Sepp und Arnold vor der Türe und wir konnten nach fachgerechtem Laden pünktlich abreisen. Die um 14.55 Uhr gelieferten 250 wunderschönen Ostereier aus den Karpaten konnten auch noch verstaut werden.
Die Fahrt zur Grenze verlief ohne Zwischenfälle, aber an der Grenze selbst gerieten wir in ein kleines Abenteuer, das wäre Maria nicht losmarschiert für uns erst nach 10 Stunden oder auch noch mehr, beendet hätte werden können.
Beim letzten Besuch und auch bei der Einfahrt in die Ukraine war uns die lange Warteschlange Richtung Polen aufgefallen. Uns wurde erzählt, dass die Wartezeiten bis zu 10 Stunden und mehr dauern würden. Uns wurde empfohlen an der Grenze auf die Gegenfahrbahn zu fahren und, da wir eine humanitäre Bestätigung aus Kiew hatten so diese Warteschlange zu umgehen. Aber irgendwie haben wir hier die Kurve nicht gekriegt und wir standen plötzlich in der LKW-Warteschlange. Vor uns ca. 6 LKW, rechts von uns eine Leitplanke und die Tankstelle. Links von uns die bis zu 1 km lange zweireihige Autowarteschlange. Wenden konnten wir nicht und rückwärts hinausfahren ging auch nicht mehr, da sich schon der nächste LKW hinter uns placiert hatte. Wir sahen schon alle Schreckgespenster vor uns, zumal plötzlich eine junge Frau aus Regensburg auftauchte und uns erzählte, dass sie schon 7 Stunden in der Doppelreihe anstehen würden und nur wenige Meter vorwärts gekommen wären! Maria machte sich zwischen den LKWs auf den Weg zu den Grenzbeamten. Der Beamte versicherte ihr, dass wir wenden und die Gegenfahrbahn benutzen dürfen, wenn wir die humanitäre Bestätigung vorweisen können. Nun hieß es drei LKW jeweils 1 – 2 Meter vorwärts zu bewegen, dann hatten wir genügend Raum um an der Leitplanke vorbei in die Tankstelle hineinzufahren und dort zu wenden. Es ging gut! Von unseren Herzen polterten lautstark alle großen Sorgensteine. Dann ging alles relativ schnell. Wir fragten uns nach dem überstandenen Schreck, warum es überhaupt zu solch einer langen Schlange kommen konnte. Die einzige Erklärung die wir fanden war, dass die Polen Abfertigung nach Vorschrift machten und die bevorstehenden Osterfeiertage, halten natürlich auf.
Ich durfte von der Grenze ab bis kurz vor Krakau den Bus steuern, was mir sehr viel Spaß machte. Auch den Rest der Strecke konnten wir problemlos bewältigen. Ab Oberfranken regnete es und die Holledau empfing uns mit dichtem Schneetreiben und in München fanden wir eine geschlossene Schneedecke vor! Grausam!
Wir waren alle sehr dankbar, dass die Fahrt ohne größere Schwierigkeiten verlief und, dass wir gesund und munter zu Hause ankamen.
Fazit dieser Reise:
Schaue ich auf die inzwischen vierte Reise in die Ukraine zurück komme ich etwas ins Nachdenken. Jede Reise brachte für mich neue Erkenntnisse und öffnete mir den Blick für die Not etwas mehr.
Die Not in der Ukraine ist immer noch vorhanden. In der Stadt, in der Anonymität vielleicht mehr versteckt, auf dem Land aber offensichtlich. Keine Sach- und Geldspende ist umsonst.
Die Ukraine wird auch nach der friedlichen Revolution noch lange brauchen um mit den vielen Missständen und der Hinterlassenschaft des Kommunismus fertig zu werden, das ist ein langer Entwicklungsprozess. Mein geschichtsinteressierter Mann, mit dem ich über dieses Thema diskutierte meinte ganz trocken, er sieht die Lage ähnlich wie in der DDR in den 60ziger Jahren. Mir sagte ein Ukrainer, den ich nach seiner Meinung fragte sinngemäß, dass die friedliche Revolution von der Nähe besehen noch nicht viel gebracht hat, aber auf lange Sicht hin, sich auswirken wird. Es ändert sich alles sehr langsam. Das menschliche Bewusstsein zu aktivieren ist der schwierigste Teil.
Und das scheint mir ganz persönlich auch so. Aber nicht nur in der Ukraine muss das menschliche Bewusstsein aktiviert werden, auch bei uns. Wir Deutschen sind ein Volk der Jammerer, das ist mir in den letzten Monaten mehr als bewusst geworden. Anstatt zu sehen, wie gut wir es überhaupt haben und wie dankbar wir sein können, dass eine demokratische Regierung unser Land regiert, verfallen viele in Depression. Ich weiß nicht wer einmal gesagt hat, dass verschwendeter Dank hundertfach zurückkommt, aber dieser Satz stimmt. Jeden Morgen und jeden Abend Danke zu sagen prägt ein Leben. Da werden einem so manche Selbstverständlichkeiten erst wirklich bewusst. Manchmal ist es vielleicht mühsam etwas zum Danken zu finden, Aber schon die Suche ist eine heilsame geistliche Übung. Das habe ich in den letzten Jahren zu meinem Grundsatz gemacht.
Und nun bin ich der Meinung, dass wir anfangen müssen in unserem Umfeld wieder mehr auf die Not anderer hinzuweisen. Wieder etwas mehr Begeisterung aufzubringen anderen zu helfen, schon auch als kleines Dankeschön an den Schöpfer der Erde, dass es uns noch so gut geht.
Wenn ich Kontakt zu anderen Menschen aufnehme und von der Not erzähle, finde ich ganz einfach offene Ohren und meist auch offene Herzen und Hände. Ich will versuchen mehr junge Menschen zu motivieren  auch dazu, dass sie die Ziele unseres Vereins zu ihren Zielen machen und wir etwas Nachwuchs in unsere Reihen bekommen. Wenn mir das gelingt, dann sind die Reisen in die Ukraine nicht umsonst gewesen.
In diesem Sinne möchte ich alle, die diesen Bericht lesen bitten in ihrem Umfeld zu wirken. Sie werden sehen, dass das Kreise zieht.
Anfang Mai 2006
Brigitte Hovland