2006 Juli

Nachdem Brigitte Hovland nicht mitgefahren ist, weil sie ihren traditionellen Urlaub in Norwegen verbringt, versuche ich, um nicht eine Lücke in der Folge der Reiseberichte entstehen zu lassen, über unsere Reise das Wichtigste zu berichten.
Der LKW ist am Montag, den 3.7.2006, vollbeladen mit fast 10 t Hilfsmittel abgefah- ren. Die Paketannahme war nicht einfach neue Unterkunft, fehlende Hilfsmittel und weniger Sponsoren haben den Weg zu uns gefunden.Trotz allem Stress war der Lkw am Samstag Abend voll beladen. Die Begleitmannschaft Peter Malter, Josef Rammelsberger, Arnold Nowak und ich sind am Dienstag, den 4.7.2006 um 13.30 in Aubing abgefahren. Die Autobahn war nicht überfüllt, nur die Hitze machte uns zu schaffen. Leider funktionierte unsere Klimaanlage im Bus nicht!
Zwei kurze Pausen, Stärkung mit Kaffee. Nachts ist es günstig durch Polen zu fahren, da kaum Verkehr ist. Und so waren wir schon vor 6.00 Uhr an der polnisch- ukrainischen Grenze. Bei der Passkontrolle an der ukrainischen Grenze erleben wir immer wieder Überraschungen. Hinter dem Fenster saß eine junge, nicht ausgeschlafene Polizistin, die zum ersten Mal in Ihrer Kariere einen humanitären Transport abgefertigt hat. Wo ist die grüne Karte? Wo ist die Versicherung? Auf wen ist der Bus registriert? Wo sind die Papiere für die Genehmigung des humanitären Transportes? usw. Nach einiger Zeit hatte sie begriffen wie die Abwicklung vonstatten geht. Während der Zöllner nur unseren Zettel abgestempelt und uns gute Reise gewünscht hat. Wir waren um 9 Uhr ukrainischer Zeit in Lemberg. Wir waren nur 19 Stunden gefahren.

Um alle Termine zu bewältigen, habe ich schon von München aus für den Mittwoch Nachmittag Termine vereinbart. So haben wir uns schnell frisch gemacht, einen starken Kaffee getrunken um wach zu bleiben und dann ging es wieder los. Ich bin zuerst allein in die Stadt gelaufen, um meine Bücherbestellung zu erledigen. Dann musste ich natürlich unbedingt auf den Künstlermarkt einen Abstecher machen, um zu sehen was es Interessantes gibt. Und es hat sich gelohnt. Zwei Frauen, bei denen ich immer Volkstracht kaufe, waren gerade aus der Bukowyna gekommen. Und so habe ich zwei wunderschöne bestickte Westen aus Pelz gekauft.
Um 14.00 Uhr hatten wir einen Termin in der Uni-Klinik bei Fr. Dr. Iwasjuk. Sie war leider nicht da, weil sie gerade für diesen Tag ein Auto bekommen hat, um unsere Hilfsgüter aus Stryj abzuholen. So haben wir nur kurz reingeschaut, ein Paket mit einem Skelett, welches die Brigitte besorgt hatte, abgegeben und sind weiter zum
Dr. Lozynsky (Proktologie) gegangen. Er berichtet uns, dass er endlich erreicht hat, dass eine gesamtukrainische ILCO im ukrainischen Justizministerium registriert wurde, zu der 14 Bezirke der Ukraine gehören. Aber es gibt immer noch Probleme mit der ILCO in Odessa und in Kiew, die ihre Vorteile nicht aus der Hand geben wollen. Leider mussten wir ihm auch berichten, dass bei diesem Transport keine Hilfsmittel für seine Stomapatienten dabei sind, da die deutsche ILCO ihre Niederlassung in Freising aufgelöst hat und nach Bonn umgezogen ist. Herr Prof. Englert bemüht sich, dass wir für den nächsten Transport wieder etwas bekommen.
Der letzte Termin war in der Nähschule, beim vorhergehendem Transport haben wir es nicht geschafft sie zu besuchen. So mussten wir dringend das Versäumte nachholen, sonst wären sie sehr beleidigt gewesen. Die letzten Lieferungen für die Nähschule sind etwas bescheidener geworden, nachdem die Firma Trumpf in Konkurs gegangen ist, haben wir keinen neuen Spender in dieser Hinsicht gefunden. Wir konnten der Nähschule eine größere Anzahl Stühle liefern (die vorhanden sind unzumutbar), Waschpulver und Büromaterial. Ich möchte gleich dazu vermerken, dass das Waschpulver (wir haben einen Teil gespendet bekommen und einen größeren Teil eingekauft) bei allen Einrichtungen, die wir beliefern, sehr willkommen ist und das Büromaterial, das wir über Herrn Sachs aus Bayreuth von der Firma Leitz gespendet gekommen haben, wurde als höchster Luxus bezeichnet. Zum Abschluss gab es bei der Nähschule wie immer einen herrlich gedeckten Tisch mit ukrainischen Spezialitäten. Und es wurde schon angekündigt, dass wir für unsere Heimfahrt wieder mit Verpflegung versorgt werden (Hefeteigtaschen gefüllt mit Aprikosen, Quark, Marmelade usw.)
So ging der Mittwoch nach einer langen Fahrt und schlaflosen Nacht zu Ende. Hundemüde freute sich jeder auf sein Bett.
Donnerstag, der 6.7.2006. Unsere erste Fahrt nach der Zwangspause führte wieder nach Chodoriw. Wir waren gespannt. Wie wird der Empfang sein? Werden wir vielleicht ein unangenehmes Treffen mit dem vorherigen Bürgermeister haben? Gott sei Dank gab es keine Probleme. Der neue Bürgermeister, Herr Horatschek, empfing uns herzlich in seinem Büro und Frau Maria Kalynec, unsere Mitarbeiterin in der Barmherzigkeit, saß wieder in ihrem Büro. Unser LKW, es war wieder von einer polnischen Spedition, war pünktlich zur Stelle und so konnte das Abladen in unserem Lagerplatz beginnen. Unser Zöllner Vitalij war auch persönlich anwesend. Nach getaner Arbeit wurden wir vom Bürgermeister zum Mittagessen in sein neues Restaurant eingeladen. Danach haben wir das Krankenhaus in Chodoriw besucht und mit dem Chefarzt den Bedarf des Krankenhauses besprochen. Wir haben ein lange Liste mitbekommen was alles gebraucht wird. Die Tage in der Ukraine waren sehr heiß und so haben wir für den Tag Schluß gemacht und sind nach Lemberg zurückgefahren.
Freitag, der 7.7.2006. In der Ukraine ist es ein hoher kirchlicher Feiertag Johannes. Wir hatten aber keine Zeit zum Feiern und sind wieder nach Chodoriw aufgebrochen. Zuerst übergaben wir Frau Kalynec alle Transportpapiere, Paketlisten, Briefe usw. Auch haben wir die Kasse überprüft, für was unser Geld ausgegeben wurde und wieder eine Summe für die Unkosten und für den Einkauf von Lebensmittel für Bedürftige dagelassen.

Wir hatten eigentlich geplant, das TBC-Sanatorium in Zurawno zu besuchen. Das TBC-Sanatoium wurde von uns nach dem Brand gut ausgestattet, mit Betten, Matratzen, Bettwäsche, Wolldecken. Wir mussten den Termin absagen, weil eine andere, wichtige Aufgabe auf uns wartete.
An uns ist am Donnerstag der Chefarzt einer Psychiatrie herangetreten und bat uns, das Krankenhaus zu besuchen und sich die Zustände anzuschauen. So sind wir in Begleitung von Bürgermeister Horatschek aus Chodoriw am Freitag in den ca. 30 km entfernten Ort Midmychajlywci gefahren.

Midmychajlywci

Von außen nicht so schlimm, so ähnlich gelegen, nur kleiner, wie das KrankenhausHaar. Es war ehemals ein Kloster. Einige Gebäude liegen zwischen den Bäumen verstreut. Aber das Innere der Gebäude kann man schwer beschreiben, wie ein Straflager. In diesem Krankenhaus befinden sich 230 Patienten. Dunkle Zimmer, ausgestattet mit schmalen Holzbetten, die auseinander zu brechen drohen. Ein Drahtgeflecht, wenn es eine Matratze gibt, dann so etwas dünnes wie bei uns Matratzenschoner. Keine Nachkästchen, keine Stühle.

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Ein Esszimmer mit nur zwei Tischen und dazu zwei Bänke.

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Von sanitären Einrichtungen kann man überhaupt nicht sprechen, dass es welche gibt. In einem anderen Bau gibt es für das ganze Krankenhaus eine Dusche mit 4 funktionierenden Blechsieben, abgetrennt mit Blechwänden.

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Eine große Hilfe für das Krankenhaus ist die Landwirtschaft, die sie nebenbei betreiben. Denn für die Verpflegung der Patienten gibt es vom Staat pro Tag nur
5,- Hrywni = ca. 0,83 Euro und für Medikamente 7,- Hrywni = 1,16 Euro.
Es fehlt an Allem, ein Fass ohne Boden. Wir haben versprochen, im Rahmen unserer Möglichkeit zu helfen. Besonders Betten, Matratzen, Bettwäsche, Handtücher. Dieser Besuch hat uns sehr zugesetzt.
Ohne Pause und Essen ging es weiter nach Stryj. Wir haben die Fabrik mit Weihnachtskugeln besucht, um eine Bestellung für unseren Weihnachtsbasar aufzugeben. Dann besuchten wir kurz die Caritas in Stryj, die uns in der kritischen Zeit sehr geholfen hat.Ausserhalb von Stryj ist ein kleines Waisenhaus was wir uns kurz angeschaut haben. Es ist auf einem Dorf. Dort sind nur 14 Kinder und die Erzieher nehmen ein Teil der Kinder am Wochenende zu sich nach Hause, damit die Kinder auch ein Familienleben haben. In einem Dorf ist so etwas möglich. Gebraucht werden besonders Kleidung und Schuhe, Handtücher und Spielsachen.

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Zurück nach Chodoriw , es wurde schon spät. Ich wollte in Chodoriw ein Familie besuchen, aber die Zeit reichte nicht aus. Frau Kalynec kümmert sich um sie. Der Vater ist verstorben, die Mutter lebt mit drei Kindern in einem Zimmer in einem baufälligen Gebäude. Die Mutter hat Krebs und liegt derzeit im Krankenhaus. Der älteste Sohn (16) kümmert sich um die jüngeren Geschwister. Im Zimmer stehen zwei Betten, ein uralter Gasherd ohne Knöpfe, kein Tisch. Von unserem Lager bekommen sie jetzt einen Tisch und Stühle, damit sie die Hausaufgaben nicht mehr auf dem Boden oder auf dem Bett machen müssen. Frau Röder-Thiede und ich haben schon einige Pakete vor unserer Reise nach Chodoriw geschickt, besonders Lebensmittel, Waschmittel, Kleidung, Bettwäsche. Eine Bekannte hat 200,- Euro gespendet, damit der Mutter Medikamente und den Kindern Lebensmittel gekauft werden können. Alles verwaltet Frau Kalynec und verteilt an die Kinder die Hilfe aus. Solche Fälle gibt es mehr, besonders auch alte Menschen, die niemanden haben leben sehr arm.

Wir sollten eigentlich um 18.00 Uhr in Lemberg sein, aber es wurde 19.00 Uhr. Schnell geduscht, umgezogen und zu einem nahegelegenen Restaurant, wo uns Herr Dr. Wosnyzia zu einem Abendessen eingeladen hat. Endlich gemütlich sitzen und etwas anständiges zum Essen bekommen. Nach dem Essen gab es noch in unserer Unterkunft Kaffee und den guten Kuchen, den uns Frau Kalynec gebacken und nach Lemberg mitgegeben hat.

Samstag, der 8.7.2006. Die beschwerliche Tagesreise nach Turka haben wir uns geschenkt. Es sind schon Ferien, im Internat ist niemand, ein Teil der Kinder ist nach Hause, die Waisenkinder in einem Ferienlager. So ist Frau Kalynytsch aus Turka zu uns gekommen und beim gemeinsamen Frühstück haben wir alle Probleme besprochen, Papiere ausgetauscht, die Auslagen für Transport aus Stryj erstattet. Turka hat endlich nach langer Zeit eine Registrierung ihres Vereins Barmherzigkeit erreicht, hat jetzt spezielle Register-Nummern für den Zoll und für die Finanzbehörde. Die Barmherzigkeit ist jetzt berechtigt, Transporte direkt zu empfangen. So haben wir bereits am 2.6.2006 einen Transport direkt nach Turka mit 45 Krankenhaus- betten, 30 Nachkästchen und 60 Matratzen abgeschickt. Das ist für Turka eine große Erleichterung, weil der Transport von Chodoriw nach Turka viel Geld kostet. Auch Frau Kalynytsch hat besonders die größere Menge Waschpulver dankbar erwähnt. Sie konnte mit den kleinen Päckchen 112 Familien mit Waschpulver versorgen, die großen Pakete haben Krankenhäuser und Internate bekommen. Das Büromaterial wurde sehr gelobt.

Der offizielle Teil war sozusagen beendet. Nun konnte ich mich meiner anderen Aufgaben widmen. Zuerst die Bücher, ob alle da sind, dass ich Sie Montag abholen kann usw. Zur Erläuterung möchte ich zu den Büchern erwähnen, dass es sich um ukrainische Bücher, besonders Kinderbücher handelt, die ich für den ukrainischen Pfadfinderbund, ich bin seit meiner Kindheit Pfadfinderin, besorge und wir diese an Oster- und Weihnachtsbasaren in unserer Gemeinde verkaufen. Das Geld geht auch zu Gunsten Kinder in der Ukraine. Dann musste ich noch einen Besuch abstatten.

Abends bin ich endlich dazu gekommen in die Oper zu gehen. Es gab Nabucco. Dazu habe ich die Mutter von Dr. Wosnyzia eingeladen. Es war ein Genuss! Gute Stimmen, der Chor ausgezeichnet, die Dekoration und Kostüme herrlich. Die Oper war nur 2/3 gefällt, meistens von Touristen, sehr vielen Polen. Die Preise sind sehr gestiegen. Ich habe vor zwei Jahren für gleiche Plätze 45,- Hrywni bezahlt. Und jetzt kosteten sie 75,- Hrywni = 12,50 Euro. Im Vergleich zu München war das für mich sehr billig. Diese Preise können sich nur die Neureichen leisten, jemand, der 300,- Hrywni Rente oder 500,- Hr. Gehalt bekommt, muss auf den Opernbesuch verzichten.
Ich war in der Oper und die Herren schauten natürlich Fußball. Jedem das seine.

Sonntag, der 9.7.2006 war der Erholung gewidmet. Meine Herren zum Großeinkauf in die Metro gefahren. Ich bin in die Kirche marschiert. Unterwegs habe ich wieder den Künstlerbasar besucht, eine wunderschöne gestickte Bluse für meine Enkelin und eine für meine Nachbarin erstanden.

Montag, der 10.7.2006. Unser Abreisetag. In aller Früh bin ich zum großen Basar gefahren und habe frische ungespritzte Tomaten, Gurken eingekauft. Auch selbstgemachte Wurst, Topfen. Anschließend ging es in das Büro von Caritas. Wir haben unsere Unterkunft bezahlt. Der Direktor, Herr Lemyk, erzählte uns, dass die Computer, die wir im April geschickt haben schon eingesetzt sind und zwar in dem Heim für Straßenkinder. Der erhoffte Erfolg ist schon da, die Kinder kommen von der Straße und arbeiten begeistert mit den Computern. Wir müssen noch mehr schicken.
Der Stellvertreter vom H. Lemyk hat sich angeboten, meine Bücher aus der Bücherei mit mir zu holen. Das habe ich gerne angenommen. So und nun musste endlich gepackt werden. Denn um 14.00 wollte der Sepp pünktlich vor der Tür stehen.
Wie angekündigt kam noch Frau Maria mit Verstärkung aus der Nähschule und brachte uns Reiseverpflegung und ein Fläschchen dazu. Frau Dr. Iwasjuk brachte noch ihre Dankesschreiben, aber zum Ratschen gab es leider keine Zeit mehr.

Um 14.30 fuhren wir los. Ein Wunder, an der Grenze war der linke Streifen frei, so dass wir keine Umwege machen mussten, um durchzukommen. Die Ukrainer haben uns schnell abgefertigt, aber wir haben schon von weitem gesehen, dass an der polnischen Grenze nicht vorwärts geht. Wir sind vorgefahren, dann haben wir gesehen wie genau alles durchsucht wurde. Es wurde nach Zigaretten und Schnaps gesucht. Bei manchen Autos wurde alles rausgeholt, das ganze Auto abgeklopft. Unser Bus wurde auch abgeklopft, das Gepäck Gott sei Dank aber nur von aussen inspiziert. Ein ukrainischer Bus stand neben uns, alle Passagiere mussten aussteigen, ihr Gepäck auf Tischen auspacken, der leere Bus wurde in ein Gebäude zum durchleuchten geschickt. Eine Stange Marlboro kostet in der Ukraine 40,- Hrywni = 6,70 Euro. Da lohnt es sich etwas mitzunehmen, erlaubt ist nur eine Stange pro Person. Die ganze Grenzprozedur kostete uns fast eine Stunde.
Wir gerieten in den Berufsverkehr und einige Strassen wurden repariert. Sonst sind wir Gott sei Dank gut durchgekommen. Die zweite Kaffeepause in der traditionellen Holledau haben wir nicht geschafft, wir mussten uns schon auf dem Rastplatz bei Regensburg stärken.

Ich hoffe, dass dieser Bericht Ihnen etwas Einblick in unsere Arbeit gewährt und Sie uns in Gedanken auf unserer Reise folgen können.

24. Juli 2006
Maria Salak