2000 April

Eindrücke einer Spendensammlerin der UAM als Mitreisende im April 2000

Morgengrauen. An der Grenze zur Ukraine. Kalt – gefühlsmäßig – alles aussteigen. Wartezeit vor einem Kontrollhäuschen. Einzelaufruf – Gesichtskontrolle. Gott sei Dank: Gepäckstücke (unsere privaten Sachen und Mitbringsel) nur von außen begutachtet. Lebensmittel sind nicht erlaubt. Jeder von uns 6 Mitreisenden hat Verpflegung für sich selbst und die Familien, bei denen wir untergebracht werden sollen, dabei.
Ab der Grenze fahren wir mit unserem Kleinbus nun durch Schlaglöcher bis Lemberg (ukrain. Lviv), im östlichen Galizien, ca. 770 000 Einwohner; Universitätsstadt, mehrere Akademie-Institute, Museen, Theater, 2 Kathedralen (15. Jh.); Handels- u. Verkehrsmittelpunkt. In der Straße Rutkowitsa unser Stop bei Frau Jaroslawa. Meine Freundin und ich werden sehr freundlich in der heruntergekommenen Altbauwohnung empfangen.
1  Zimmer, kleine Küche mit Badverschlag. Das Wohnzimmer ist für uns reserviert, für 8 Tage. Hier wird gegessen, geschlafen und Frau J., der Hund Olha, der 17-jährige Enkel schauen alle paar Minuten ins Zimmer. Das Hündlein, spitzig und dünn mit runden Knopfaugen, ähnelt sehr seinem Frauchen, auch in seinem nervösen Temperament; hüpft von Schlafstelle zu Schlafstelle, gellend bellend.
Ermüdet nach 20 Stunden Fahrt, müchten wir gerne baden. Die Badewanne ist mehrschichtig mit Schmutz verkrustet, lässt aber das eingelaufene Wasser dennoch durchsichtig erscheinen. Wir wollen nach diesem Bad dann doch lieber erst wieder Zuhause in ein Bad steigen. Der unbefestigte Toilettendeckel rutscht nach der Seite. Frau J. kommt permanent alle 5 Min. ins “Bad”, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Sogar Pantoffeln stellt sie mir vor die Füße, während ich auf der Toilette sitze.
Wir essen zusammen in unserem Zimmer. Frau J. hat fast alles selbst hergestellt. Eingelegte Gurken, Auberginen-Mus, eingelegte Paprika, süßsaures Kraut, PflauTopfenquark, Kuchen und unsere Wurst und Butter bereichern noch den Tisch. Danach Stadtrundgang mit Frau J. und Enkel. Fahrt in einer vollgestopften alten Straßenbahn ins Stadtzentrum.
Stattliche Häuserfronten, die meisten sehr ungepflegt. Viele kleine Märkte mit Obst, Gemüse, selbst gearbeiteten Dingen; z. B. gestickten Blusen, Tischdecken, bemalte Ostereier und kitschigen Ölbildern. An den Straßenrändern die sogen. “Privatmärkte” – meist ältere Frauen, arm aussehend, versuchen selbstgebackene Kuchen, Eingemachtes, ein paar Rüben, Knoblauch oder kleine, selbst gepflückte Blumensträußchen zu verkaufen. Eine alte Frau hält zwei stinkige Fische hoch, sie hält sie noch immer hoch, als wir eine halbe Stunde später wieder an ihr vorbeikommen. Eine übermäßig geschminkte Frau wählt in einem Abfallcontainer, um noch etwas Brauchbares zu finden. Ich gebe ihr ein paar Hrivni. Sie schreit auf und drückt das Geld an sich. Wir gehen schnell davon. Schrecklich. In der Post bekomme ich Briefmarken. Hier sieht es aus wie in einer Kinderpost, wie wir sie als Kinder zum Spielen hatten. Viele, viele kleine Fächer an der Wand mit einem riesigen Durcheinander, so als hätte gerade jemand alles durchwühlt.
Nun wollen wir in ein Museum. Öffnungszeit 10 – 18 Uhr. Es ist 16 Uhr. Ein uniformierter Mensch bedeutet uns mit seiner Gestik: jetzt zu – morgen. Also, wir sollten hier die angegebenen Zeiten nicht zu genau nehmen. Es regnet und ist kühl. In einem Cafe möchten wir uns aufwärmen. Ziemlich leer. Kaffee und Tee für uns. Wir fragen nach Zucker. Kopfnicken. Also verstanden. Wir warten und schauen uns die rote eingerissene Plastikdecke an. Wir fragen abermals nach Zucker. O. K. Nach weiteren 5 Minuten die Frage nach Zucker. Nun bekommen wir ihn gebracht. Es klappt doch fast alles in diesem Land. Zu Hause sitzen wir wieder “gemütlich” in unserem Zimmer. Es gibt Borschtsch, Kuchen und Kraut. Dies esse ich nichts, da ich gesehen habe, dass alle diese Vorräte in der Toilette (z. T. nicht abgedeckt) aufbewahrt werden. Ein bißchen Wodka sorgt aber dann für einen guten Schlaf trotz kratziger Schlafdecken.
1. April. Frühmorgens strahlender Sonnenschein, kühl. Fahrt nach Chodoriv. Wiestark beschädigte Straßen. Unser Ukrainehilfe-Transporter mit mehr als 10 t Hilfsgüter liegt kurz vor Chodoriv im Straßengraben. Überholmanöver eines Pkw 3 km vor der Ankunft. Mit Kranwagen, dicken Seilwinden wird der Truck hochgezogen, Plane des Trucks oben teilweise zerfetzt, Telefonleitung hat sich in die Plane gebohrt. Einige Männer aus Chodoriv helfen, die Drähte heraus zu ziehen, dabei fällt ein Mann vom Truckdach. Wir halten die Luft an. Der Mann hat großes Glück gehabt – es ist ihm nichts passiert. Das Fahrzeug steht endlich wieder auf der Straße und kann sich fortbewegen.
Danach besuchen wir eine Anstalt für psychisch kranke Männer im Alter von 18 Jahren bis … . Es riecht. Nach allem. Trotzdem machen die Zimmer einen relativ sauberen Eindruck. Jeweils 4 Betten mit Zierkissen und Wandbehängen. Allerdings ist in den meisten Räumen kein Tisch und oft nur 1 Stuhl vorhanden. Der Direktor führt uns in den Aufenthaltsraum. Männer mit motorischen Bewegungen, Fratzen ziehend schauen uns z. T. neugierig an. Einige Männer sind noch fähig, in der Landwirtschaft mitzuhelfen oder kleine Arbeiten in der parkähnlichen Anlage auszuüben. Eine nackte, überdimensionierte Frauenfigur aus weißem Material steht inmitten der Anlage. Sollen sich die Insassen an eine Frau erinnern? Wer weiß. Der nächste Besuch fährt uns in eine Kinderkrankenhaus. Wochenende. Fast keine Patienten zu sehen. Am Wochenende müssen die meisten Patienten nach Hause. Es muss gespart werden. Die Ukrainer brauchen nicht in eine Krankenkasse einzuzahlen und dürfen in der Regel nur 3 Tage stationär im Krankenhaus verbringen. Eine Schwester meint: Wenn wir viel Kindernahrung bekomdann ist das Haus gleich voll. Einige gute Kinderbetten von der Ukrainehilfe München sind nun aufgestellt, ebenso gelieferte Geräte, Vorhänge u. v. m. Aber noch immer fehlt sehr viel.
Das Allgemeine Krankenhaus, welches wir dann aufsuchen, sieht innen sehr düster aus, eine Taschenlampe wäre jetzt hilfreich. Es wird an Strom gespart. Die Röntgenapparate, 1997 von der Ukrainehilfe geliefert, sind nun installiert! Jetzt fehlen noch die entsprechenden Türen und Fenster, speziell für Röntgenräume. In diesem Krankenhaus werden wir uns noch genauer umsehen, um festzustellen, wo der Bedarf am größten ist.
Vor der Sozialstation Barmherzigkeit in Chodoriv warten mehrere Frauen, Kinder, ein paar ältere Männer. Sie warten auf den Lkw, der durch den Unfall verspätet ankommt. Die Menschen aus Chodoriv und Umgebung sprechen in der Sozialstation vor. Das soziale Umfeld wird geklärt und erörtert, was am Notwendigsten erscheint. Es wird also aus der Ukrainehilfe München diesen Menschen mit Bekleidung, Lebensmittel, Haushaltswaren usw. geholfen. Eine Frau mit mongoloidem Sohn, ihr selbst fehlt ein Arm, kommt auf uns zu und bedankt sich, indem sie auf ihre Jacke und die Bekleidung des Sohnes zeigt. Sie weint. Diese Textilien stammen aus Sammlungen der Ukrainehilfe. Frauen stellen sich uns in den Weg und möchten unsere Adressen haben. Immer wieder und wieder. Wir lassen uns deren Anschriften aufschreiben.
In der Sozialstation wird nun besprochen, wann und wo ausgeladen wird, welche Krankenhäuser, Kindergärten, Altersheime noch besucht werden, um festzustellen, ob die gelieferten Geräte, Betten, Vorhänge entsprechend genutzt werden, und um zu sehen, wie der derzeitige Bedarf aussieht. Diesmal dafür 1 Woche Zeit.
Die Ukrainehilfe München besteht seit 6 Jahren unter dem Vorstand von Peter Malter, der inzwischen mehr als 30 mal in die Ukraine gereist ist, um an Ort und Stelle sich zu vergewissern, ob alles so ankommt wie vorgesehen, und um zu helfen, wo die Not am größten ist.
Der Bürgermeister Kotsowsky aus Chodoriv lädt uns anlässlich der 5-jährigen Kooperation zu einer Feier mit Konzert ins Bürgerhaus ein. Wir sind seit morgens unterwegs. Nun sollten wir aber zu dieser Feier doch etwas “feiner” angezogen sein. Also leiht sich Peter Malter ein Jackett und Hemd von dem Sohn des Bürgermeisters. Wir wechseln in unserem Kleinbus Schuhe und Jacken. Nicht gerade ukrainefein für solch eine Festlichkeit – aber es geht auch mal so. Lippenstift und Make-up retten dann doch noch etwas an unserem Erscheinungsbild.
Das Bürgerhaus ist gut besucht. Hier findet wohl was Besonderes statt? Und wirklich. Ukrainische Tänze in folkloristischer Tracht, einheimische, sehr gut interpretierte Lieder, auf der Bandura gespielte Volksmusik, klassische Stücke auf dem Klavier, kleine Lobreden, Darbietungen mit viel ukrainischem Charme.
Danach sind wir alle eingeladen ins Bistro Delphine. Blaue Plastikstühle und -tische. Frauen bringen Wurst und Schinken aus ihren Vorräten von zu Hause, selbstgebackene Kuchen, Salate und natürlich Wodka. Ein feuchtfröhlicher Abend.
Am nächsten frühlingshaften Tag werden wir von einer ukrainischen Deutschlehrerin begleitet, die wirklich perfekt ins Deutsche übersetzt.. Wir fahren wieder nach Chodoriv, vorbei an vielen kleinen Tümpeln, Seen, Gänse- und Hühnerscharen. Ab und zu ein Storchennest; die ersten Störche sind schon eingezogen. Pferdefuhrwerke bringen Mist zu den Feldern. Krähen. Ländliche Idylle.
In den diversen Krankenhausabteilungen lassen wir uns die Patientenzimmer, Behandlungsräume, Küchen, Labors und sonstige Einrichtungen zeigen. Wo und mit was können wir helfen? Es fehlt an einfachsten Dingen wie Vorhänge, Bettwäsche, Handtücher, Arbeitskleidung. Die fast durchsichtige Bettwäsche ist grau, mürbe, es fehlt an gutem Waschmittel, Medizinischen Instrumenten aller Art von der gynäkologischen bis zur zahnärztlichen Abteilung. Die Krankenhäuser bekommen Mittel von der Regierung für Medikamente und Verpflegung. Allerdings nicht ausreichend. Alles Andere liefern die humanitären Verbände. Es gibt hier eigentlich nichts, was in Ordnung ist. Die Fußböden sind in einem desolaten Zustand, die Stühle kaputt, Schimmelpilze und Wasserflecken an den Wänden. Das gilt sowohl für das Krankenhaus als auch für die Poliklinik. Das Personal ist unmotiviert und zuckt mit den Schultern. Ab und zu kommt eine der Mitarbeiterinnen und flüstert uns ins Ohr: Können Sie nicht mal versuchen, ein gebrauchtes Hörgerät für meine Mutter zu bekommen oder Medikamente für mein Kind, es hat Epilepsie … oder Batterien für ein Hörgerät? Eine Frau bringt uns zu einem kleinen 4-jähr. Jungen. Dieser Junge war geistig und körperlich normal entwickelt, bis es zu einem Stapylokokkeninfekt und durch verkehrte Behandlung zu einer Enzephalitis kam. Heute kann dieser Junge weder sehen noch stehen. Die Gehirnflüssigkeit wird alle 14 Tage abgezogen. Die Eltern gehen sehr liebevoll mit ihrem Kind um. Sie wünschen sich für das Kind einen größeren Buggy und Steh- oder Gehhilfen. Ob wir so etwas auftreiben können?
Der nächste Tag fängt mit der Vorstellung mehrerer Kinder in einer Orthopädischen Rehaklinik an. Diesen Kindern wurde bereits durch die humanitäre Hilfe München mit Prothesen geholfen. Uns wird hier jedes Kind noch einmal beschrieben und das Kind kann sich zu seinem gegenwärtigen Zustand äußern.
Z. B. Sascha. Jetzt 17 J.; von den Eltern als kleines Kind abgelehnt, verwahrlost aufgefunden, Fuß re. verkrüppelt, li. Unterschenkel fehlt, kleiner Finger re. fehlt, li. Hand fehlt.
Die linke Beinprothese ist durch Unterstützung der Ukrainehilfe seit Sommer 1999 neu angefertigt; andere Prothesen sind noch in Ordnung. Heute ein fröhlicher Jugendlicher mit sehr positiver Ausstrahlung.
Kubatsch, ein ebenfalls positiv wirkender Junge, 9 J., seit dem 3. Lebensjahr Knochenkrebs, re, Unterschenkelprothese, läuft ohne Stützen gut, macht Sport.
Oleschko, 10 J.; dem Mädchen fehlen beide Hände und der Unterschenkel re.; angeboren. Mit den Handprothesen kann sie jetzt schreiben. Fährt nun alleine mit dem Bus; Hemmungen abgelegt; hübsches, ausgeglichenes Gesicht.
Tanja, 4 J.; sie wird von der Großmutter betreut – Eltern Alkoholiker. Dem Mädchen sind beide Unterschenkel abgefault durch Grippekomplikationen. Auch Arme leicht verkrüppelt. Sie wird uns heute zum ersten Mal vorgestellt. Sie wird von der Ukrainehilfe Prothesen erhalten.
Wir sehen insgesamt 8 Kinder an, die orthopädisch betreut werden, und sind froh, dass ihnen mit Erfolg geholfen wurde.
Dem Direktor wird ein Geldbetrag für die geleistete Arbeit und für die Materialien übergeben, nachdem Einsicht in die Aufstellung genommen wurde.
Nun setzen wir unseren Weg in Lemberg fort und suchen eine Nähschule auf. In dieser werden 650 Mädchen und 50 Jungen ausgebildet. Es gibt verschiedene Klassen. Theoretischer Unterricht, Zuschneideklassen, Nähen von Straßenbekleidung (dickere Stoffe), Blusen, Röcke, Kleider (dünne Stoffe), bis hin zum Entwurf von Modellen. Die neusten Informationen werden aus deutschen Versandhauskatalogen und Modezeitschriften entnommen. In dieser Nähschule fehlt es an Stoffen aller Art, Industrienähmaschinen, Industriebügeleisen. Das Büro bittet uns um Computer mit Drucker.
Anschließend Fahrt zu einem Kindergarten für 3- bis 7-jährige Straßenkinder. Das desolate Haus wurde von der Stadt Lemberg gestiftet. Von verschiedenen Organisationen wurde hier schon gespendet: Sanitäre Anlagen, Küchen, Stühle, Lampen und von der Ukrainehilfe Mänchen z. B. Tische, Geschirr, Spielzeug. Nun fehlt es noch an 15 doppelstöckigen Betten und was dazu gehört. Sobald die Betten gestiftet sind, kann das Haus eröffnet werden. Hier sind wir insgesamt sehr erfreut, was aus diesem Gebäude, welches in sehr, sehr schlechtem Zustand war, für ein helles, gut renoviertes Gebäude geworden ist, dank der Bemühung des Herrn Lemik (Caritas), der uns das Haus vorstellt. Es gibt also auch Erfreuliches in der Ukraine.
Heute besuchen wir bedürftige Einwohner in Lemberg.
In einer Seitenstraße, dunkle, schmuddelige Treppe, Paterre. Nach längerem Klopfen und Rufen öffnet uns eine alte Frau. 91 Jahre. Die Nachbarn machten darauf aufmerksam, dass diese alte Dame so gut wie nie die Wohnung verlässt und sich nur von kalten Lebensmitteln ernährt. Nun bekommt sie Hilfe von einer Pflegekraft einmal pro Tag für ca. eine halbe Stunde. Diese Hilfe kocht warmes Essen, reinigt das Zimmer und sucht für sie die Behörden auf. Das 12 – 14 qm kleine Zimmer ist trotzdem sehr übel riechend, armselig ausgestattet. Auf unsere Frage wie es ihr geht (wir schreien ihr ins Ohr), Gut, gut, nur die Knochen wollen nicht mehr so. Sonst scheint sie zufrieden. Wir drücken ihr etwas Geld in die Hand und die alte Dame strahlt.
Das nächste Haus, welches wir besuchen, ist ein großer Altbau, riesiges, veraltetes Treppenhaus. In jeder Etage eine Waschstelle mit kaltem Fließwasser für die Wohnungen ringsum. Eine Tür steht offen; dort lebt eine ca. 60 J. alte Frau. Beim Fensterputzen ist sie vor einigen Jahren aus dem Fenster gestürzt und ist seitdem ab dem Lendenwirbelbereich gelähmt. Das Zimmer, ca. 16 qm groß, ist fast mit dem Krankenbett und einer auf dem Boden liegenden Matratze, auf dem ihr Sohn nachts schläft, ausgefüllt. Sie bekommt ebenfalls tägl. einmal Hilfe. Sonst helfen die Nachbarn und drehen sie um, damit sie sich nicht wund liegt. Die Frau spricht normal mit uns, ohne Mimik, sie sieht aufgedunsen und bleich wie eine Made aus. Wir lassen ihr Lebensmittel da, welche sie dankbar annimmt.
Fast wie ein Schrebergartenhaus mutet uns die nächste Behausung an. Kleiner Garten davor. Im Eingangsbereich rührt ein Mann auf dem Boden in einem Napf Brot und Milch zusammen. Auch hier stinkt es entsetzlich. Die Bedürftige, die wir uns anschauen, ist 40 J. alt, Cerebralparalyse seit der Geburt. Also körperlich und geistig nicht ansprechbar. Eine verhärmte Mutter steht wie hilflos vor dem Bett der schlafenden Tochter. Ebenfalls wird hier einmal am Tag von einer Pflegekraft geholfen, die dann Nahrungsmittel und Medikamente mitbringt und das Nötigste erledigt. (Sie betreut 10 Personen pro Tag). Das relativ große Zimmer ist vergleichbar mit einer unaufgeräumten Abstellkammer. Alte Fetzen liegen umher, keine Bettäsche, nur lumpenartige Textilien. Die Luft ist einfach nicht mehr zu beschreiben.
Inzwischen hat wieder starker Schneefall eingesetzt und wir fahren weiter durch die riesigen Schlaglöcher, mal rechts und mal links ausweichend; trotzdem spritzt der Schneematsch ab und zu bis zu den Hauswänden hoch und selbst die Fußgänger sind kaum überrascht, wenn sie eine Ladung Schneematsch abbekommen.
Zu unserer inneren Erholung besuchen wir in der Innenstadt von Lemberg ein sehr gepflegtes Museum und betrachten uns eine Ikonenausstellung, Darstellungen vom 12. bis 19. Jh. Danach genießen wir Kaffe in einem gemütlichen Cafe und lassen uns die Bilder der armseligen Behausungen noch im Kopf herumschwirren und sind dankbar, dass es uns gut geht.
“Zu Hause” lassen wir diesen Tag noch einmal an uns vorüber ziehen und ertragen das Gesehene mit einem Wodka.
Am nächsten Tag werden wir von einem jungen Ukrainer, der übersetzen und uns mit seinem Auto fahren wird, abgeholt. Es geht in Richtung Hruschka, wo wir ein Frauenheim für psychisch kranke und sehr arme Frauen aufsuchen, im Alter von 20 bis … . Wir haben Probleme, dieses Haus zu finden, da Verkehrsschilder und Hinweisschilder für die Dörfer einfach fehlen. So sind wir schon viel zu weit gefahren, aber nach mehrmaligem Fragen finden wir das Frauenheim, ein ehem. Kloster, ganz in ländl. Umgebung. Der Direktor berichtet das Gleiche wie die anderen staatl. Einrichtungen. Es gibt Geld für Verpflegung und etwas für Medikamente. Etwa 250 DM pro Jahr und Patient. Für Sonstiges sind sie auch wieder auf Hilfe von Spendern angewiesen. Die Räume riechen übel, aber es wird überall geputzt und es sieht relativ sauber aus. Die Heiminsassinnen glotzen uns an, zupfen uns am Ärmel, sprechen und schreien irgend etwas. Auch ein Zimmer für Psychotherapie steht zur Verfügung, aber es fehlt an Therapie- und Beschäftigungsmaterial. Kein Papier zum Malen, Basteln, keine Stifte, keine Spiele. Die Pflegeleitung wünscht sich Plüschtiere, etwas zum Liebhaben, meint sie, für die Frauen. Das Heim “hält sich über Wasser” durch eigene Agrarprodukte wie Kartoffeln, Obst, Eier, Viehzucht, Honig, den wir kosten dürfen. Einige Frauen können bei diesen Feldarbeiten noch helfen, wobei es hier an Gummistiefeln u. ä. fehlt.
Gegen Mittag sind wir unterwegs nach Monasterok. Auch hier haben wir Schwierigkeiten, diese Anlage zu finden. Wieder kein Hinweis außerhalb. Was wir hier in Monasterok dann hören und sehen, ist fast unvorstellbar. 150 Männer ab 16 Jahre bis …, die psychisch krank sind, können hier aufgenommen werden. Z. Zt. Sind hier 105 Männer, davon 40 bettlägerig. Viele davon haben Tbc. Barackenähnliche Gebäude, 4-6 Betten in einem Raum, ab und zu ein Tisch und manchmal auch ein Stuhl. Zerschlissene Bettwäsche, grau und stinkend, so wie die Männer auch aussehen. Es riecht zum übelwerden. Die Toiletten sind außerhalb in einem Holzverschlag, nur Plumpsklosett ohne Klärgrube. In der Wäscherei sind die Waschgeräte vollkommen verrostet. Die Waschfrauen stehen auf Holzdielen, da der Boden einige cm überflutet ist und die Frauen keine Gummistiefel besitzen.
In einer kleinen Werkstatt nebenan werden Reparaturarbeiten ausgeführt, aber auch die Särge für die Heimbewohner hergestellt.
Es ist erstaunlich, die Männer scheinen sich hier wohl zufühlen, die hier körperlich noch fit sind. Diese haben zwar auch armselige Zimmer, ein Gefühl mit Wasser und 1 Glas, spielen Karten und betteln uns ein bisschen um Zigaretten und Geld an. Keineswegs aggressiv.
Die Bürodame erzählt uns das Gleiche: Außer für Verpflegung und einige Medikamente gibt es kein Geld. Mit der humanitären Hilfe geht es einigermaßen. Es fehlen vor allem Schuhe, Stiefel für den Winter, Bettwäsche, Arbeitskleidung, auch für das Personal. Wir fragen uns, ob wir es jemals schaffen werden, hier Toiletten einzubauen und bessere Industriewaschmaschinen zu ergattern?
Unser letzter Tag in Lemberg. In dieser schönen Stadt mit großen Plätzen und Alleen werden wir von Susanna, einer jungen Architektin, geführt. Interessante Hausfassaden, alte Treppenhäuser, Kirchen. Kleine Einkäufe, wie z. B. handbemalte Ostereier. Abschließend wunderbarer Topfenkuchen in einem kleinen modernen, dennoch mit Jugendstil-Accessoires gestyltem Cafe.
In unserer Behausung schreiben wir fast bis Mitternacht Bedarfslisten für die Krankenhäuser, Altersheime, Kindergärten und sonstigen Einrichtungen und machen uns Gedanken, woher wir wichtige Dinge bekommen können, und lassen noch einmal die vergangenen Tage an uns vorbeiziehen.

Idstein, im April 2000

Anita Vogt